Geigen Meisterkurse ¦ A tribute to Yehudi Menuhin
A tribute to Yehudi Menuhin – unter dieses Motto haben wir unsere erstmalig stattfindenden Geigen Meisterkurse gestellt. Dem Motto entsprechen, werden wir einige Dozenten und Solisten zu Gast haben, die in direkter Verbindung zu Menuhin standen: Ana Chumachenco und Daniel Hope wurden von Menuhin unterrichtet, Roby Lakatos und Lakshminarayana Subramaniam haben mit ihm zusammengearbeitet, die jungen Solisten Alina Ibragimova sowie Alexander Sitkovetsky und der Dozent Mauricio Fuks haben an der Yehudi Menuhin School in der Nähe von London studiert bzw. gelehrt. Heute wäre der brillante Geiger und Kosmopolit 93 Jahre alt geworden. Dies zum Anlass nehmend können Sie heute bei uns eines der letzten Interviews lesen, das Yehudi Menuhin gegeben hat.
“Jetzt weiß ich, dass es Gott gibt”, sagte Albert Einstein als er Sie als Kind spielen hörte. Heute werden Sie als großer Humanist, ja als Heiliger verehrt. Wie sehen Sie sich selbst?
Oh ich bin gar kein Heiliger! Ich tauge nicht dafür. Ich habe meine Prinzipien, aber leider werden die richtigen Prinzipien nie verwirklicht. Man hofft immer, dass es eine bessere Welt gibt.
Ist die Welt schlechter geworden?
Der Mensch war nie ein Engel. Er hat sich an sich nicht verändert im Gegensatz zur Technik, der Ökologie, die Wissenschaft. Demokratie ist an sich fabelhaft, doch sie hat sich nicht entwickelt. Eigentlich sollte sie den Gruppen eine Stimme geben, die keine Stimme haben. Das tut sie nicht immer. Das andere Problem ist sie selbst: Man glaubt, man könnte über die Freiheit verfügen, wie man will. Aber die Freiheit ist die Würde des anderen, die man respektieren muss.
Gibt es für Sie eine ideale Regierungsform?
Man müsste Politiker haben, die Visionen haben und genügend Geld, um unabhängig diese umzusetzen. Dann hätte man eine aristokratische Regierung, die natürlich nicht das Volk repräsentierte, aber vielleicht die Verantwortung für die Zukunft übernehmen würde. Heute denkt man nicht weiter als in kurzen Zeiträumen, bis zu den nächsten Wahlen. Wir müssen daran arbeiten. Darum mache ich das Projekt, wo wir zu den schwierigen Schulen gehen. Wenn die Kinder anfangen zu singen und zu tanzen, dann sind alle Vorurteile weg. Wir zwingen die Kinder Schreckliches zu lesen, zu hören und zu sehen. Dadurch vernichten wir, was im Kind gedeihen könnte. Die Brutalisierung der Jugend ist erschreckend.
Sie haben selbst vier Kinder; wie ist Ihnen die Erziehung gelungen?
Ja, ich glaube ja. Oft war meine Frau der bessere Vater. Frauen sorgen für die Zukunft, Frauen bringen einen wieder auf den Boden der Realität, folgen oft nicht dummen Theorien, weil sie das Leben geben. Der Mann glaubt etwa die große Theorie erfunden zu haben, die Wahrheit. Und dann will er das ganze Leben in diese Richtung forcieren. In der Kunst oder Wissenschaft ist es gut. Aber oft ist die Idee auf Hass aufgebaut, wie bei Diktatoren, dann gibt es nur Vernichtung…
Wenn Sie Ihr ungemein reiches Leben in einem Wort zusammenfassen müssten …
In drei: Liebe und Güte und Glück. Ich hatte wunderbare Eltern und Freunde, das Glück mit Musik leben zu dürfen und zu allen Menschen zu sprechen, seien sie schwarz, gelb oder weiß. Das war das Schönste in meinem Leben.
Über Ihr Eintreten für Wilhelm Furtwängler kurz nach Kriegsende waren viele empört, Sie wurden öffentlich als Verräter und Kollaborateur der Nationalsozialisten gebrandmarkt. Wie sehen Sie heute Deutschland?
Es ist das erste Land, das wirklich ernsthaft und konsequent daran gearbeitet hat, sich von den alten Ideologien frei zu machen. Die Dokumentierungsstelle etwa für deutsche Zigeuner in Heidelberg ist ein solches Zeichen. Es gibt hier viele gute Menschen.
Sind Sie einverstanden mit den vielen Biographien, die über Sie geschrieben wurden?
Mit den meisten nicht, ich habe viele anders empfunden, als dort beschrieben. Nur das, was ich geschrieben habe, stimmt.
Wenn ein Film über Sie gedreht werden sollte, wer sollte Ihre Rolle spielen? Immerhin sollten Sie selbst einmal Paganini spielen.
Ich habe keinen Wunsch, ein Held zu sein, ich tauge auch nicht dazu. Ich weiß es nicht. Ich mag den Film von Bruno Monsaignon über mich.
Sie hatten so viele Gaben. Hätten Sie sich noch mehr gewünscht?
Sehr viel mehr Sport aber auch intellektuelle Fähigkeiten wie Mathematik oder die Naturwissenschaften. Ich wünschte, ich könnte alle Sprachen beherrschen. Es fehlen so viele Dinge.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nicht wirklich. Ich habe Angst, dass gute Menschen vernichtet werden, große Kunst zerstört wird, ganze Wälder. Das ist unerträglich. Sie haben als jüngerer Mensch ein schweres Erbe.
Das Interview führte Teresa Pieschacón Raphael am 16. Dezember 1997 in Fontainbleau bei Paris. 14 Monate später starb Yehudi Menuhin in Berlin.
Schlagworte: Interview, Teresa Pieschacón Raphael, Yehudi Menuhin





