Twitter-Freundschaft | Einblick in die Arbeitswelt von be|es|ha

Bei der stART.09 haben wir uns erstmals kennengelernt und seither sind wir mit Birgit Schmidt-Hurtienne kurz be|es|ha be|es|ha im regelmäßigen Austausch. Unseren letzten KAtalk hat sie mitverfolgt und im Anschluss ein Blogpost voll des Lobes geschrieben. Heute wollen wir sie Ihnen vorstellen. be|es|ha steht nicht nur beispielhaft dafür, mit welch interessanten Menschen wir dank unserer Social-Media-Aktivitäten in Kontakt kommen, sondern sie übt unter anderem auch eine spannende Tätigkeit aus: Sie kopiert und korrigiert Notenmaterial. Was sich genau dahinter verbirgt, das hat sie in einem Interview erzählt.

1. Was müssen sich unsere Leserinnen und Leser unter Notenkorrektorat und Notenkopistentätigkeit vorstellen?
Unter dem Begriff Notenkopistentätigkeiten sind Arbeitsschritte zusammengefasst, die erforderlich sind, um Notenmaterial zu erstellen und/oder für ein Konzert spielbar zu machen. Dazu gehört – ganz im wörtlichen Sinn – das Kopieren von Noten, aber auch das Korrigieren von dabei aufgetretenen Fehlern und das sogenannte Einrichten von Orchestermaterial, bei dem unter anderem die Spielanweisungen des jeweiligen Dirigenten in jede Stimme eingetragen werden.

Die Kopistentätigkeiten stammen aus Zeiten, in denen es keine andere Möglichkeit der Vervielfältigung von Literatur oder Noten gab, als sie mit der Hand abzuschreiben. Eine Sinfonie von Mozart konnte zum Beispiel nur aufgeführt werden, wenn die Stimmen für die einzelnen Musiker zuvor aus der Partitur herauskopiert, sprich abgeschrieben, wurden. Wobei für die Tätigkeit als Notenkopist musiktheoretische und spieltechnische Kenntnisse unabdingbar waren und sind. Selbst bei vermeintlich einfachen Aufgaben, wie dem Herauskopieren (= Abschreiben) von Einzelstimmen aus einer Partitur reicht es nicht, die Noten irgendwie auf das leere Notenblatt zu schreiben, denn die Stimmen müssen auch gut les- und spielbar sein. Dazu ist es erforderlich, bereits im Vorfeld abzuschätzen, wie viele Takte der jeweiligen Stimme so auf die Seite passen, dass der Musiker oder die Musikerin sie ohne Anstrengung lesen kann und genug Zeit hat, am jeweiligen Seitenende umzublättern.

Bis zum Erscheinen von Notensatz-Computerprogrammen erforderte dieses handschriftliche Kopieren neben einer gut leserlichen Handschrift vor allem sehr viel Erfahrung, um zügig brauchbare Ergebnisse zu erzielen. In einigen Fällen kann es allerdings auch heute noch erforderlich sein, Stimmen handschriftlich zu kopieren. Zum Beispiel bei Auftragskompositionen Neuer Musik. Oft finden sich hier spezielle Notierungszeichen des Komponisten, die angeben, wie bestimmte Töne oder Passagen gespielt werden sollen. Zum Teil sind diese Notierungen so komplex, dass die Stimmen schneller von Hand ausgeschrieben als mit dem Computer gesetzt werden können.

2. Wie bist Du auf die Idee, Notenkorrektorat als Dienstleistung anzubieten, gekommen?
Ich habe diesen Beruf während meines Studiums der Musikwissenschaft kennen gelernt, als ich ein Praktikum im Notenarchiv des Westdeutschen Rundfunks absolvierte, wo ich anschließend auch gearbeitet habe. Beim WDR sorgt neben den Mitarbeitern, die die vier Klangkörper (Rundfunkorchester, Sinfonieorchester, Chor und Big Band) betreuen, auch ein festangestellter Notenkorrektor dafür, den Musikern spielbares Notenmaterial zur Verfügung zu stellen und reibungslose Produktionsabläufe zu gewährleisten. Da die hierfür erforderlichen Arbeiten, wie zum Beispiel das Eintragen von Spielanweisungen in die Einzelstimmen – das Einrichten des Materials – sehr zeitaufwändig sind, beauftragt der WDR hiermit externe Notenkopisten, zu denen ich mich, als seinerzeit Bedarf nach weiteren Kräften bestand, schließlich selbst gesellt habe.

3. Wie müssen wir uns so einen Arbeitsalltag vorstellen? Hältst Du Rücksprache mit dem Konzertmeister oder gar dem Komponisten bei Neukompositionen?
Nein, diese Absprachen erfolgen alle im Vorfeld. Ich bekomme entweder die Partitur mit den Einzeichnungen des Dirigenten und/oder je eine vom Konzertmeister oder Stimmführer eingerichtete Streicherstimme, deren Einzeichnungen ich dann in das komplette Orchestermaterial übertrage.

Je nach Werk und vorliegendem Notenmaterial sind auch Aufgaben wie das Hinzufügen von sogenannten Dirigier- oder Probenziffern erforderlich. Letztere können die Probenarbeit immens erleichtern, denn sie verhindern, dass alle Musikerinnen und Musiker die Takte in ihren Stimmen abzählen müssen, um gemeinsam in einem bestimmten Takt einsetzen zu können. Probenziffern, an markanten Stellen gesetzt, ermöglichen dagegen einfache Ansagen wie: „Bitte ab Ziffer vier (oder Buchstabe C) spielen“, unabhängig davon, in welchem Takt sich dieser Einsatz befindet.

In manchen Instrumentenstimmen ist es auch sinnvoll, lange Pausenangaben mit zusätzlichen Informationen zu versehen. Um nach der Pause an der richtigen Stelle wieder einzusetzen, müssen die angegebenen Pausentakte ja vom Musiker mitgezählt werden, wobei man sich bei Pausen von mehr als 20 oder 30 Takten leicht verzählen kann. In solchen Fällen kann die Eintragung von Stichnoten eine große Hilfe sein. Diese Noten in Miniaturform zeigen an, welche Kollegen vor dem eigenen Einsatz spielen, so dass man sich an diesen Passagen vor dem eigenen Einsatz orientieren kann.

4. Die Notenblätter sind ja teils auch schon durch mehrere Musikerhände gewandert, ehe Du Korrekturen vornimmst. Erzählen Sie Geschichten?

Ja, eingerichtetes Notenmaterial erzählt sehr viele Geschichten und ist auch für die musikwissenschaftliche Forschung eine wahre Fundgrube, denn nur durch diese Einzeichnungen sind ja unterschiedliche Interpretationen desselben Musikwerks überhaupt möglich. Sofern auf dieselbe Ausgabe des zugrunde liegenden Notentextes zurückgegriffen wird, können Dirigenten ja nur durch individuelle Spielanweisungen eigene Akzente setzen. Diese können, um nur ein Beispiel zu nennen, durch die Gestaltung der Bogenstriche erreicht werden, denn bei Streichinstrumenten erzeugt schon die Änderung der Strichrichtung – zum Beispiel aufwärts (Aufstrich) statt abwärts (Abstrich) – eine merkliche Änderung des Klangs einer Passage. Insofern bilden alle diese Einzeichnungen einen Metatext, der wie eine Regieanweisung zur Konzertaufführung gelesen werden kann.

Neben den vom Dirigenten gewünschten Einzeichnungen tragen die Musiker weitere Informationen in ihre Stimmen ein, die ihnen selbst oder krankheitsbedingt einspringenden Vertretungen, falls sie das Stück ohne Probe vom Blatt spielen müssen, an kritischen Stellen wertvolle spieltechnische Hinweise geben. Immens wichtig sind – nicht nur für einspringende Kollegen – zum Beispiel Angaben zum Schlagtempo. Manche Passagen im 4/4-Takt werden im doppelten Tempo, in sogenannten „Halben“ oder auch „alla breve“ gespielt. Fehlt hier die entsprechende Vortragsbezeichnung in der Stimme, spielt der Musiker nur halb so schnell wie der Rest des Orchesters.

Als klassische Einzeichnung an kritischen Stellen gilt auch der „Totenkopf“, der immer dann eingezeichnet wird, wenn man Gefahr laufen könnte, eine Generalpause, in der das ganze Orchester nicht spielt, zu übersehen. Eine solche Stelle gibt es zum Beispiel in der Symphonie No. 101 “Die Uhr” von Joseph Haydn: Im “Trio” des 3. Satzes ist in Takt 148 eine Generalpause (G.P.), in diesem  Mitschnitt bei Minute 4:14 zu „hören“.

Da man diese Pause im Notenbild leicht übersehen kann, wird unter diesem Takt, wie im Beispiel zu sehen, gesondert G.P. notiert bzw. ein Totenkopf eingezeichnet, damit man nicht Gefahr läuft, in diese Pause mit einem unfreiwilligen “Solo” hineinzurasseln.

Totenkopf_markiertMir sind in Streicherstimmen mit schwartenähnlichem Umfang, in denen die zweiten Geigen über mehrere Seiten endlose Begleitfloskeln zu spielen haben, aber auch schon ganze Bildergeschichten begegnet, in denen ein vor Erschöpfung zusammengebrochener Geiger von Sanitätern auf eine Trage geladen und mit dem Krankenwagen abtransportiert wird. Ähnlich bezeichnend, wenn auch weniger drastisch, wird die vorletzte Seitenzahl von umfangreichen Stimmen gerne mit einer Sonne als Zeichen für das nahende „Licht am Ende des Tunnels“ geschmückt.

6. Du spielst sicherlich auch selbst ein Instrument …
Ja, ich habe mit 10 Jahren angefangen, Geige zu spielen und später ist noch das Klavier dazugekommen. Heute spiele ich allerdings nur noch zu familiären Anlässen und hohen kirchlichen Feiertagen ;-)

Liebe Birgit, vielen Dank für deine Ausführungen und den Einblick.

Wer noch mehr zum diesem Thema erfahren möchte, kann seine Frage hier als Kommentar hinterlassen, denn Birgit hatte mir schon im Vorfeld zugesichert, dass sie sie auch beantworten wird.

von Ulrike Schmid
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6 Kommentare zu „Twitter-Freundschaft | Einblick in die Arbeitswelt von be|es|ha“

  1. Notenkorrektorat: Einblicke in eine verborgene Welt … « … Auslassungspunkte sagt:

    [...] wollte Ulrike auch einmal einen Blick in meine Arbeitswelt werfen. Dabei hat sie besonders interessiert, was es denn mit den ominösen Notenkopistentätigkeiten und [...]

  2. be|es|ha sagt:

    Ich danke euch für das große Interesse! Aufgrund der Fragen habe ich selber wieder einen frischen Blick auf diese vielfältige und detailreiche Arbeit gewonnen.

  3. Stefanie Pütz sagt:

    Hallo Birgit, wie sieht deine Arbeit denn konkret aus? Sitzt du da mit Stapeln von Notenblättern, farbigen Stiften, Linealen, hast du einen Hiwi als Anspitzer, wie groß sind die Blätter, wie sehen die Eintragungen aus (außer Totenkopf :-), staubt und raschelt es, oder kann man es am Computer machen?

  4. uberVU - social comments sagt:

    Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by KronbergAcademy: Wolltet ihr schon immer mal wissen, was sich hinter #Notenkorrektorat verbirgt? @be_es_ha hat’s uns veraten http://bit.ly/3U2q8Q

  5. Carmen sagt:

    Mir ist schon endlich klar, was Notenkorrektorat und Notenkopistentätigkeit bedeutet! Bin kein Musiker, aber den Artikel war mir sehr interessant. Vielen Dank!

  6. be|es|ha sagt:

    Hallo Stefanie, es sieht ja fast so aus, als hättest du via Kristallkugel einen Blick in mein Laboratorium geworfen ;-) Den Hiwi gibt’s allerdings nicht, denn bei be|es|ha spitzt die Chefin noch selbst.
    Wenn eine großbesetzte Sinfonie für ~ 100-120 Musikerinnen und Musiker einzurichten ist, dann stapelt es sich tatsächlich bei mir, nachdem ich das Material zuvor mit Rollkoffer transportiert habe.
    Die Größe der gehefteten oder gebundenen Stimmen variiert von Verlag zu Verlag. Da gibt es alles von A4 bis A3 und diverse Zwischengrößen. Farbige Stifte kommen aus Gründen der Übersichtlichkeit schon mal bei moderner Musik zum Einsatz, wenn die Vortragsbezeichnungen sehr umfangreich sind. Normalerweise wird alles nur mit Bleistift eingetragen, weil dieser am leichtesten wieder zu entfernen ist.
    Die Eintragungen selbst umfassen sämtliche musikalische Vortragsbezeichnungen zur gewünschten Dynamik, zum Charakter, zum Tempo, zur Artikulation und darüber hinaus noch die unterschiedlichsten Zeichen für die spieltechnische Ausführung, bei den Streichern z. B. die Zeichen für Bogenaufstrich (V) oder -abstrich (~ ein Quadrat ohne Grundlinie).
    Einen kleinen Überblick über die Vortragsbezeichnungen gibt es übrigens bei Wikipedia im gleichnamigen Artikel.
    Und abschließend noch ein Wort zum Stauben und Rascheln: Aufs Rascheln habe ich, ehrlich gesagt, noch nie geachtet ;-), wogegen der Staub beim Einrichten von Orchestermaterial, wie generell bei der Arbeit mit Papier, zwangsläufig und unübersehbar auftritt. Wenn Einzeichnungen zu entfernen sind, dann sammeln sich auch noch ansehnliche Häufchen Radiergummi-Abriebs (heißt das so?) an. Stimmen kopieren/ausschreiben kann man, wie gesagt, auch mit Notensatzprogrammen am Computer machen und dann ist es natürlich klinisch rein in der Kopierstube.



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