Das offizielle und feierliche Eröffnungskonzert des Cello Festivals am 30. September um 19 Uhr hat sich einen ganz besonders spannungsvollen Rahmen ausgesucht: die Naxos-Halle im Frankfurter Ostend. In der ehemaligen Fabrikhalle spielen unter anderem Gidon Kremer (Violine), Ula Ulijona (Viola) sowie die Cellisten Gary Hoffman, Nicolas Altstaedt, Steven Isserlis. Begleitet werden sie von der Kremerata Baltica. Und zum Abschluss des Konzertes erklingt Haydns wunderbares Cellokonzert in C-Dur.
Wo Industriekultur die Klangkultur umrahmt und unterstützt entsteht eine ganz eigene, besondere Stimmung. Archaischen Zauber verströmt schon die Musik des Werkes Midsummer song von Raminta Serksnyte, ebenso ein Auftragswerk der Kronberg Academy, wie Rodion Shchedrins Werk Parabola Concertante, das 2001 von Mstislav Rostropovich in Kronberg uraufgeführt worden war. Mit Lera Auerbachs Dialog mit Pergolesi steht eine Uraufführung auf dem Programm. Und zum Abschluss des Konzertes erklingen Edison Denissows Tod ist ein langer Schlaf und Haydns wunderbares Cellokonzert in C-Dur.
Midsummer song

Raminta Serksnyte, Foto: Modestas Ezerskis
Die Litauerin Raminta Serksnyte ist sowohl als Pianistin wie auch als Komponistin eine der meistversprechenden musikalischen Botschafterinnen ihres Landes. Mit einer stattlichen Zahl von Werken hat sie bei Festivals für Neue Musik auf sich aufmerksam gemacht. Raminta Serksnyte beschreibt das Komponieren als eine Summe „gehobener Geisteszustände, die sich in Klängen materialisieren“. Ihre Klangsprache bedient sich neoromantischer Idiome, aber auch mancher Ausdrucksformen des Minimalismus, des Jazz und anderer Stilrichtungen. Sie kombiniert westliche Traditionen der Satztechnik mit Elementen der kontemplativen Musik des Ostens. In Serksnytes Kompositionen finden sich Momente meditativer Ruhe, von Nostalgie, Melancholie oder Mystik ebenso wie expressive und dramatische Momente voller Lebenskraft. Für die Komposition „Midsummer Song“ ließ sie sich vom archaischen Zauber inspirieren, den das Ereignis der Sommersonnwende seit jeher auf die Menschen ausübt. Sie schreibt über ihr Werk:
„Ich habe mein Stück als eine Art pantheistisches Lied konzipiert, in dem sich anfängliche Melodien, die sich aus unterschiedlichen Tönen lösen, langsam aber sicher zu einer Vielfalt von Farben und Gestalten ausbreiten. Die Melodien haben dabei Ähnlichkeit mit Rezitativen, Arien und Chören. Schließlich verschwindet das Lied nach einer ektatischen Steigerung schrittweise wieder in eine meditative Morgenmusik des ‚endlosen Sommers’.“
Parabola Concertante für Cello, Streicher und Pauke
Der unvergessene Mstislav Rostropovich hat zahlreiche Komponisten dazu angeregt, Cellowerke für ihn zu komponieren, darunter auch seinen langjährigen Freund Rodion Shchedrin. Die „Parabola Concertante“ aus dem Jahr 2001 ist Shchedrins viertes Werk für Rostropovich, das dieser beim Cello-Festival 2001 in Kronberg auch uraufgeführt hat. Das Stück ist inspiriert von der Erzählung „Der verzauberte Pilger“ des russischen Schriftstellers Nikolaj Leskow (1831-1895). Sie schildert die unglückliche Liebe des Klosterschülers Golowan zur Zigeunerin Gruscha, die aber ihr Herz an den Fürsten verschenkt hat. Als dieser sich nach kurzer Zeit von ihr abwendet, erfüllt Golowan Gruschas Wunsch, sie zu töten. Nach Shchedrin ist das Solo-Violoncello Golowans Stimme, der uns seine Lebensbeichte vorträgt, während das Orchester dezent die einzelnen Stationen und Situationen seines Lebens andeutet.
Dialog mit Pergolesis Stabat mater für Violine, Viola und Vibraphon
Die aus dem Ural stammende Komponistin und Pianistin Lera Auerbach gehört zu den erfolgreichsten Musikerinnen ihrer Generation. Neben einer großen Zahl von Kammermusikwerken und Solostücken umfasst ihr OEuvre auch zahlreiche Orchesterstücke für unterschiedliche Besetzung. In ihrer Musik, die vordergründig traditionellen Einflüssen stark verpflichtet zu sein scheint, versucht sie, Tonalität und klassische Formsprache zu nutzen, um neue Wege des musikalischen Ausdrucks zu finden. Die „Dialoge mit Pergolesis Stabat Mater“ verknüpfen die sieben Sätze von Pergolesis barockem Vokalwerk mit jeweils eigenen kompositorischen Reflexionen über das Stück. Die Komposition wird außerdem bereichert von einem irisierend glockentönenden Vibraphon, das mystische Akzente setzt. Das für das Musikfest Bremen komponierte Werk wurde 2005 von Gidon Kremer und Ula Ulijona in Verden uraufgeführt.
Tod ist ein langer Schlaf – Variationen über ein Thema von J. Haydn für Violoncello und Orchester
Der in Sibirien geborene Sohn eines Physikers war einer der innovativsten Komponisten der Generation nach Shostakovich, der sein Lehrer war. Seine Musik macht Anknüpfungspunkte an die avantgardistischen Modelle von Boulez oder Ligeti ebenso hörbar wie an die Musik von Debussy oder Messiaen. Gleichzeitig kann ihre melodische Qualität die russischen Wurzeln nicht verleugnen. Das Stück „Tod ist ein langer Schlaf“ für Cello und Orchester schrieb Denissov im Jahre 1982. Es basiert auf dem vierstimmigen Kanon „Tod und Schlaf“, den Joseph Haydn in den 1790er Jahren komponierte. Das Ergebnis von Denissovs musikalischer Ehrerweisung an Haydn ist ein knapp viertelstündiges Stück mit komplexen polyphonen Strukturen und impressionistischer Klangwirkung, die bisweilen asketische Züge trägt.
Cello Konzert C-Dur Hob. VIIb: 1
Im Jahre 1761 übernahm Haydn am Hofe des ungarischen Fürsten von Esterház die gut bezahlte Position eines „Hausoffiziers“ mit musikalischen Aufgaben. Zur Erfüllung der Wünsche des musikliebenden Fürsten stand ihm in seinen Anfangsjahren eine Kapelle von (ihn selbst eingeschlossen) zwölf hochkarätigen Musikern zur Verfügung, die zum Teil auch mehrere Instrumente virtuos beherrschten. Für diese Kapelle schrieb Haydn eine Reihe von Solokonzerten, darunter auch das brillante Cellokonzert C-Dur, das wohl zwischen 1761 und 1765 entstand. Das Werk war für fast zwei Jahrhunderte verschollen und wurde erst 1961 wiederentdeckt. Es besticht in allen drei Sätzen durch seinen jugendlichen Esprit und die Eleganz seiner Melodieführung: Virtuos im ersten Satz, schlicht und dennoch ausdrucksvoll im zweiten Satz, und tänzerisch charmant im Finale.
von Dr. Susanne Schaal-Gotthardt und Oda Cramer von Laue
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