Artikel-Schlagworte: „Kammermusik“

Peijun Xus Reise nach Florida

Freitag, 4. März 2011

Erfahrungen und Impressionen einer Amerika-Reise


Unsere Junge Solistin Peijun Xu weilte Anfang Februar für einige Tage in Florida und hat dort 3 Konzerte gegeben. Veranstaltet von unserer Schwester-Organisation den „American Friends of Kronberg Academy“, führte Peijun zusammen mit Ihrem Begleiter José Menor, Klavier, mehrere kammermusikalische Werke auf. In einem vor kurzem geführten Gespräch schilderte uns Peijun Ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen während Ihrer Aufenthalte in Boca Raton und Delray Beach.

Hier Ihre Antworten:

War dies Deine erste Reise in die Vereinigten Staaten?
Nein, ich bin jetzt zum zweiten Mal in den Vereinigten Staaten gewesen. Das erste Mal war ich im Jahre 2007 beim Ravinia Festival in Chicago.


Was fällt Dir in Sachen Musik ein, wenn Du an Amerika denkst??
Ja, eigentlich eher weniger richtige klassische Musik. Im Grunde mehr in Richtung populäre Musik, die klassische Elemente bzw. Orchestrierungen beinhaltet, also beispielsweise die Ganze Welt der Musicals, also eher die etwas leichtere Musik, die nicht ganz so tief geht. Natürlich auch Jazz. Aber ich weiß sehr wohl, dass auch die Klassik sehr beliebt ist in den Staaten.
Wer hatte das Programm für eure Konzerte zusammengestellt?

Ich selbst. Und vorher hatte ich natürlich meinen Pianisten José Menor gefragt, ob ihm das auch gefällt. Und er hatte zugestimmt. Und so kamen Werke von Johannes Brahms, Edward Elgar, Frédéric Chopin und Astor Piazzolla sowie als Zugabe kam auch ein Stück des chinesischen Komponisten Li Guoquan zur Aufführung.
Gibt es amerikanische Komponisten, die Du gerne mal spielen würdest?

Ich spiele im Prinzip alles gerne. Bei amerikanischen Komponisten, die auch für Viola etwas komponiert haben, fällt mir George Rochberg ein. Ich habe sogar die Noten eines seiner Viola-Werke bei mir zu Hause, es ist die Sonate für Viola und Klavier. Ich habe das Stück auch einmal in einem Konzert gehört, es ist wirklich ein schönes, modernes Stück. Man kann es gut spielen.
Wie war das Zusammenspiel mit José Menor, der Dich als Pianist begleitet hatte?
Super! Ich bin echt sehr dankbar, dass ich ihn überhaupt kennen gelernt habe! Ich finde, er ist ein sehr netter Mensch, spielt fantastisch und ist auch sehr kammermusikalisch veranlagt. Wir verstehen uns sehr gut, unsere Gedanken über die Musik können wir prima austauschen und haben ein sehr ähnliches Gefühl für die Kompositionen. Aus diesem Grunde mussten wir bei den Proben gar nicht viel diskutieren. Ich spiele ja die Musik sehr viel nach dem Gefühl und er hat es immer  gleich verstanden und sich so drauf eingestellt und meine Art und Weise, die ausgewählten Stücke zu intonieren, bestens am Piano ergänzt. Ich denke, wir können gemeinsam eine Planung für die Musik machen.

Wie war die Organisation seitens der American Friends – Axel Langhorst hatte Dich vor Ort betreut?
Das war alles sehr gut vorbereitet und organisiert, Axel Langhorst hat prima Arbeit geleistet!
Welche der drei Auftritte war für Dich der emotionalste?
Ich glaube der letzte Auftritt am 11. Februar. Das hängt damit zusammen, dass wir zuvor an zwei Tagen hintereinander gespielt hatten und nun beim dritten Auftritt sehr gelassen waren. Wir hatten in dem Saal auch viel geprobt und ich fühlte mich dort sehr wohl. Ich konnte freier mit meinen Emotionen spielen. Und ich habe an dem Abend vorher noch eine Geschichte von einem Mädchen gehört, die mich emotional sehr berührt hatte. Und so kam es, dass ich nach dem Chopin Nocturne, das sowieso zu meiner Lieblingsmusik zählt, ein paar Tränen in den Augen hatte.

Wie hast Du die Zuschauer erlebt? War es jeweils bei diesen 3 Konzerten sehr intim von der Atmosphäre her?
Die Atmosphäre war bei allen die Konzerten gut! Die Amerikanischen Zuhörer zeigen ja sofort, wenn ihnen was gut gefallen hat! Sie sind schneller in ihren Reaktionen und auch etwas lauter in ihrer Zustimmung. Bei einem der 3 Konzerte sind die Zuschauer am Schluss alle aufgestanden und haben reichlich Beifall geklatscht.
Haben sich nach den Konzerten Für Dich gute Kontakte ergeben?
Die Zukunft wird es zeigen.

Konntest Du neben Deinen Auftritten auch persönlich die beiden Städte erkunden, Dinge für Dich entdecken?
Ja, ein kleines bisschen. Ich musste ja jeden Tag noch spielen und mich vorbereiten auf das jeweilige Konzert am Abend. Ich hatte dann nur einen freien Tag gehabt. Und da konnte ich wenigstens den Strand einmal bewundern, und natürlich gab es auch mit meiner fantastischen Gastfamilie einen Shopping-Nachmittag.

Gibt es Eindrücke, die Du besonders hervorheben würdest während Deines US- Aufenthalts, in persönlicher oder musikalischer Hinsicht?
Ich finde, die Menschen sind sehr nett, und offen! Das hat mir wirklich gut gefallen! Dazu kommt, dass ich das Gefühl hatte, die Menschen strahlen eine gewisse Gelassenheit aus, man ist relaxed in Florida. Und natürlich habe ich während meiner vielen Autofahrten auch sehen können, dass Florida eine nette Ecke in Amerika ist. Meine netten Gasteltern mit ihren beiden goldigen kleinen Kindern haben sich sehr um mich gekümmert, das war schön zu erleben.

Michael Heinz

Feuermann in Amerika (2) – Grand Prix Emanuel Feuermann

Dienstag, 7. Dezember 2010

Der 2. Weltkrieg bricht aus

Eine letzte Konzertreise führte Feuermann Anfang 1939 nochmals nach Europa. Nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten zeichnete sich der Ausbruch des 2. Weltkrieges ab. RCA nahm Feuermann unter Vertrag, Columbia, mit denen er zuvor zusammen gearbeitet hatte, hatte das Nachsehen. Diverse Plattenaufnahmen u.a. mit Franz Rupp am Klavier (Begleiter von Fritz Kreisler) zeugen heute von Feuermanns großer Meisterschaft auf dem Gebiet der Kammermusik. Lediglich eine einzige Aufnahme eines Bachschen Werkes ist erhalten geblieben. Sie entstammt einem Konzert im New Yorker Lewisohn Stadion zusammen mit den New Yorker Philharmonikern. Das Konzert wurde im Radio gesendet und aufgezeichnet. Sonst gibt es keinerlei Aufnahmen eines Bachschen Werkes. Da Feuermann gewusst hatte, dass Casals sämtliche 6 Suiten in den Jahren 1936 und 1939 aufgenommen hatte, war er wohl der Meinung, dass diese Werke die Domäne von Casals seien. Feuermann hatte eine hohe Meinung von dem katalanischen Maestro und wollte die Cello-Suiten mit Casals gemeinsam einstudieren. Aber dazu kam es nicht mehr.

Feuermann trifft auf Jascha Heifetz und agiert als Lehrer

Während Casals in Europa immer die allerhöchste Verehrung genoss, war Feuermann nun in den Vereinigten Staaten buchstäblich außer Konkurrenz. In jener Zeit wurde Feuermann von Jascha Heifetz sehr unterstützt, mit dem er dann bei RCA nicht zuletzt aufgrund des Erfolges mit dem NOA Orchester unter Leon Barzin, das Doppelkonzert von Brahms aufnahm. Für Yo-Yo Ma belegen diese Aufnahmen, dass Feuermann der einzige Cellist in jener Zeit war, der dem Geiger Heifetz “Bogenstrich für Bogenstrich” ebenbürtig war. Feuermann ging aber auch einer Lehrtätigkeit am berühmten Curtis Institute in Philadelphia nach. Der damalige Leiter und Geiger Ephraim Zimbalist hatte ihm diesen prestigeträchtigen Lehrauftrag verschafft (zu seinen dortigen Schülern zählte u.a. David Soyer, Gründer des Guarneri-Quartetts).

Das „One Million Dollar Trio“ – Feuermann schreibt Musik-Geschichte

Im Sommer des Jahres 1941 nahm Feuermann zusammen mit den beiden Superstars der damaligen Zeit Jascha Heifetz (Violine)  und Arthur Rubinstein (Klavier) einige der bedeutendsten Kammermusik-Werke auf. Das Trio ging seinerzeit als “One Million Dollar Trio” in die Musik-Geschichte ein. Die Aufnahmen sind bis heute von hohem musikalischen Rang. Weitere Aufnahmen folgten unter Einbeziehung des damals führenden englischen Bratschers, William Primrose.

Die Kriegsgeschehnisse hatten im Dezember 1941 auch Amerika einbezogen und Feuermann zeigte patriotisches Engagement für seine neue Heimat. Er gab Konzerte vor US-Soldaten und beteiligte sich am so genannten ” I am an American-Day”. Ansonsten sorgten seine diversen Konzertauftritte und Plattenaufnahmen für einen prallen Kalender. Zwischenzeitlich war es gelungen, die Eltern und seinen Bruder nach Amerika zu bringen, mithilfe des Musiker-Freundes Bronislav Hubermann.

Das letzte Konzert

Am 7. Mai gab er sein letztes Konzert in Ann Arbor mit dem Philadelphia Orchestra unter Thor Johnson, zwei Wochen später, noch nicht einmal 40 Jahre jung, verstarb er am 21. Mai 1942 an den Folge-Komplikationen einer an sich einfachen Operation. Sein Tod war für alle unfassbar. Arthur Rubinstein charakterisierte den Menschen Emanuel Feuermann ganz einfach so: ” Er war das Leben selbst”.

Wenige Tage vor seinem Tod hatte Emanuel Feuermann einen Plattenvertrag unterschrieben: Er sollte sämtliche Beethoven Sonaten einspielen. Die Aufnahme der Bach Cello Suiten hingegen, mit denen er sich auseinander gesetzt hatte, war ihm nicht so eilig.

Bei seiner Beisetzung am 28. Mai war die damalige Musiker-Elite zugegen. Ormandy, Szell, Serkin, Schnabel, Huberman und Toscanini, sie alle waren am Tage seines Begräbnisses zur Stelle. In einem Nachruf für die New York Times schrieb der Musiker-Kollege Joseph Schuster einen großartigen Beitrag, er bezeichnete Feuermann als “unersetzlichen Künstler”. Und 1954 äußerte Pablo Casals in seinen berühmt gewordenen Gesprächen mit seinem Landsmann José Maria Corredor, welchen Cellisten er ganz besonders verehre. Es sei Emanuel Feuermann gewesen und dessen Tod sei ein großer Verlust für die Musik.

Ein einfacher Grabstein auf dem Kensico Friedhof des Ortes Valhalla nördlich von New York erinnert an den neben Pablo Casals  größten Cellisten seiner Zeit. Bedingt durch die Kriegswirren der damaligen Zeit verbreitete sich die Nachricht von seinem Tode nur verspätet nach Europa. Erst im Oktober 1945 erhielt Feuermanns Witwe Eva einen handgeschriebenen Brief von Pablo Casals, den dieser auf französisch von London aus abgeschickt hatte. Darin faßte  er mit wenigen Sätzen die Bewunderung und Anerkennung für den Menschen und Musiker Emanuel Feuermann zusammen.

Ausblick

Die Kronberg Academy möchte die Erinnerung an diesen großen Musiker allzeit mit ihrem Wettbewerb und auch mit Projekten und Veröffentlichungen weiterhin wach halten und als nach wie vor lebendige und vorbildliche Inspirationsquelle für kommende Cello-Generationen verstanden wissen.

Folgende Beiträge sind vorangegangen:

Zeit zum Erinnern, Bernard Greenhouse remembers

Der Lehrer und Pädagoge (1), Der Lehrer und Pädagoge (2)

Berliner Jahre, Feuermann in Amerika (1)

Michael Heinz

Berliner Jahre – Grand Prix Emanuel Feuermann

Montag, 15. November 2010

Vier erfüllte Jahre für Feuermann

Feuermann-5

Emanuel Feuermann kam mit 27 Jahren nach Berlin. Bis zum Jahre 1929 hatte er etwa 1.000 Konzerte gegeben, war in etwa 300 Städten und Gemeinden in Deutschland und Europa aufgetreten. Kaum vorstellbar, da das Reisen zu jener Zeit etwas beschwerlicher war als heuzutage. Die grundlegenden technischen Fähigkeiten im Cello-Spiel, so halten es seine Biografen fest, hatte er bis um 1920 voll entwickelt. Die ersten Plattenaufnahmen entstanden zwischen 1925 und 1926, der Klang wurde als rund und technisch einwandfrei eingestuft, aber noch war Feuermann in puncto künstlerischer Ausdruckskraft noch längst nicht am Ende seiner Entwicklung angelangt. Die Zeit kurz vor seinem Wechsel an die Spree war durch hektische Betriebsamkeit geprägt: Er wechselte zwischen zahlreichen Konzertreisen und diversen Schallplattenaufnahmen. Zum Vergleich: Pablo Casals war 39 Jahre alt, als er die ersten Platten einspielte.

Feuermannn schreibt Geschichte

In der Hauptstadt Berlin erlebte Feuermann nun eine äußerst intensive und zugleich erfüllte Zeit. In mehrfacher Hinsicht waren die Berliner Jahre von Erfolgen bei Konzertauftritten und beim Einspielen bedeutender Werke geprägt.  Die Stelle als Hochschul-Professor an der Hochschule für Musik (Vorgänger-Institution der heutigen Universität der Künste), trat er im Juni 1929 an. Sein Ansehen war nun sehr groß.

Studenten strömten danach aus allen Ecken dieser Welt zu ihm: Junge Leute kamen aus so fernen Länder wie Japan oder dem damaligen Palästina nach Berlin. In seiner Korrespondenz ließ er durchblicken, dass er Spaß an dieser Arbeit hatte obwohl das Niveau der Studenten der Cello-Klasse niedrig gewesen sei, und sein Vorgänger Hugo Becker dafür eigentlich „hinter Schloss und Riegel gehörte“. Ferner erwähnte er in seinen Briefen, dass er mit dem Ruf an die Berliner Hochschule der jüngste Professor für Musik in Deutschland wäre. Die Berliner Hochschule war zu der Zeit ein hervorragendes Lehrinstitut und mit Feuermann verpflichtete sie einen Musiker mit hohem Ansehen. Man hatte jemand,  der sich gerade anschickte, mit Solokonzerten auch international für Furore zu sorgen.

Erfolgswelle in Berlin

Schon 1932, als es in Berlin noch keine durch Nazis getrübte Kulturlandschaft gab, wurde er vom NBC Artists Service für eine umfassende Amerika-Tournee eingeplant, die sich aber schließlich zerschlug. Seine Konzert-Tätigkeit in jener Berliner Zeit war immens. Kaum konnte er sich vor Angeboten retten. Die Gagen waren sehr gut  für die damalige Zeit, obgleich die Zeiten allmählich schwierigen zu werden drohten. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Ende der Zwanziger Jahre die Weltwirtschaftskrise in Amerika ausgebrochen war und die Folgen eines bedeutenden wirtschaftlichen Abschwungs allmählich ihre Schatten auch nach Europa warfen. Berlin trat seit Mitte der Zwanziger Jahre die Nachfolge Wiens als dem kulturellen Zentrum Europas an. Seymour Itzkoff, Verfasser einer der zwei Feuermann-Biografien, unterstreicht, wie sehr das damals in Berlin vorherrschende kulturelle Klima auch Feuermann zugute kam. Die Stadt war in den dreißiger Jahren ein Magnet für Kreative und Künstler aus den verschiedensten Ländern.

Kammermusik-Abende und Solauftritte

Zunächst begann Feuermann mit anderen Mitgliedern der Hochschule zu musizieren, dazu gehörten der junge, brillante Geiger Joseph Wolfstahl sowie der aus Hanau stammende Bratschist und Komponist Paul Hindemith. Feuermann und Hindemith, die persönlich befreundet waren, lebten im feinen Berliner Westend und waren gewissermaßen Nachbarn. Feuermann hatte zeitweise ein Apartment in der Franken-Allee, während Hindemith einige Jahre am nahe gelegenen Brixplatz wohnte. Da Wolfsthal bereits im Alter von nur 31 Jahren 1931 verstarb, sprang als Ersatz der als Wunderkind groß gewordene Szymon Goldberg ein.  Dieser war zu der Zeit bereits mit 21 Jahren Konzertmeister des Berliner Philharmonischen Orchesters. Das Trio gab sich den Namen „Hindemith-Trio“ und war auch in Berlin viel auf Bühnen zu sehen  und zu hören. Feuermann begann bald darauf, auch  Solokonzerte zu geben. Seine Schwester Sophie begleitete ihn oft am Klavier, er gab ihr häufiger den Vorrang vor anderen Pianisten. Im Mai 1929 bot man ihm für 45.000 Mark ein Tecchler-Cello an. Seine ursprüngliche Verwendung des vorhandenen Geldes wollte er zunächst auf den Kauf eines Autos verwenden, aber Paul Reifenberg, der Kölner Mäzen, mit dem er sehr befreundet war, riet ihm zum Kauf des Cellos und diesen Rat befolgte Feuermann schließlich. Viele Plattenaufnahmen aus den Berliner Jahren spielte Feuermann daher auf diesem exquisiten Instrument ein ( bis zum Jahre 1932, als er, noch in Berlin lebend, vom Londoner Handelshaus William E. Hill & Sons ein Montagnana-Cello übernahm).

Radikaler politischer Umbruch

Doch dann kam mit der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 die große Wende. Mit Brief vom 8. April 1933 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung von seiner Professur mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Noch im Oktober 1933 besuchte Feuermann im Namen des jüdischen Kulturbundes mehrere deutsche Synagogen, was ein nicht ungefährliches Unterfangen darstellte.

Das Kapitel Deutschland wurde so jäh beendet. Feuermann emigrierte, damals immer noch ledig, ebenso wie seine Trio-Kollegen Szymon Goldberg und Paul Hindemith nach London (letzterer 1938). In England führten Feuermann mit seinen beiden Berliner Kammermusik-Partnern Paul Hindemith und Goldberg diverse bedeutende Trio-Werke der Musikliteratur auf.

Weltweite Konzert-Tourneen

Feuermann ging  nach seiner Berliner Zeit auf Konzertreisen nach Nord- und Südamerika, sowie nach Asien. Kurz darauf gab es ein erneutes musikalisches Highlight. Bei der Uraufführung von Arnold Schönbergs Cellokonzert spielte er den überaus schwierigen Solopart, Dirigent war Sir Thomas Beecham. Pablo Casals war ursprünglich für diesen Part vorgesehen, hatte aber aus terminlichen Gründen abgesagt. 1935 heratete Feuermann Eva Reifenberg, Tochter des Kölner Mäzens Paul Reifenberg. Ein neues Kapitel im Leben des Emanuel Feuermann wurde eingeleitet.

Bisher erschienen in der Blogreihe zum Grand Prix Emanuel Feuermann:

Zeit zum Erinnern

Bernard Greenhouse remembers

Der Lehrer und Pädagoge (1)

Der Lehrer und Pädagoge (2)

Michael Heinz


Kronberger Sommer / Fotografische Erkundungen in der Altstadt

Dienstag, 27. Juli 2010

Wie man einen brütenden Sommertag überlebt:  Foto-Exkursion und  Nachdenken über Emanuel Feuermann

Ein heißer Juli-Tag – endlich mal keine musikalische Hoch-Saison für uns im Team der Kronberg Academy. Aber, gottlob, die nächsten Jobs stehen vor der Tür und die Vorbereitungen für die Cello-Meisterkurse Ende September laufen schon mit hoher Drehzahl. Und dann sind da auch noch die Vorbereitungen auf den Grand Prix Emanuel Feuermann im November, ein bedeutender internationaler Cello-Wettbewerb, um große Talente zu entdecken.

Es ist ein Montag, die Mittagspause winkt. Die Sonne brütet unerbittlich über der Kronberger Altstadt – die trockene Wärme tut dennoch gut und der leichte, warme Wind machen einen Spaziergang durch die Altstadt-Gassen zu einem Erlebnis. Die Kronberger Burg thront majestätisch in der Juli-Sonne. Fast kommen Urlaubsgefühle auf.  Aber weit gefehlt, es ist ja ein Arbeitstag. Trotzdem,  Zeit für eine Mittags-Unterbrechung winkt, warum nicht das Schöne mit dem Nützlichen verbinden. Neue Inspirationen beim Fotografieren und Wandeln durch das  Altstadt-Gewirr einsammeln und ein paar Gedanken zu neuen Aufgaben entwickeln – so lautet die innere Einstimmung für die nächste Stunde.

Es ist 14.00 Uhr, wenige Menschen sind in der Altstadt unterwegs. Ein idealer Moment, um die vielen Kronberger Sehenswürdigkeiten ungestört, in aller Ruhe, fotografisch einzufangen und all jenen, die Kronberg noch nicht so gut kennen, mit diesen Aufnahmen Appetit auf einen eigenen Rundgang zu machen.  Das Geflecht der Altstadt-Gassen und Strassen durchforsten. Und dabei über die nächsten musikalischen und organisatorischen Herausforderungen unseres Teams aus der Sicht der schreibenden Zunft nachzudenken.

Ich verlasse unsere Arbeitsräume im Receptur-Innenhof und mache mich auf den Weg zu einer Erkundung der speziellen Art. Für die vielen Besucher, die Kronberg hauptsächlich aus der Perspektive der Kammermusik und des Cellos wahrnehmen, so denke ich, wäre es erstrebenswert, einige der markantesten Gebäude und Plätze sowie die Burg und Altstadt mit begeistertem Blick festzuhalten. Während des Suchens nach Motiven, die auch die Spielorte unserer vielen Konzerte mit einschließen – die Johanniskirche und die Streitkirche – grüble ich über die nächste Serie Blogbeiträge nach. Die Vorgabe lautet, im Vorgriff und gewissermaßen zur Einstimmung auf den Grand Prix Wettbewerb im November den großen Cellisten Emanuel Feuermann für einige Wochen wieder verstärkt ins Bewusstsein der Musik-Interessierten zurückzurufen.

Nicht, dass es keine guten Materialien oder Dokumente über ihn gäbe, aber das Bestreben,  diesen vielleicht hoffnungsvollsten Cellisten neben Pablo Casals noch einmal in groben Umrissen in all seiner Genialität lebendig werden zu lassen. Emanuel Feuermann, der Solist, der Kammermusik-Partner, und nicht zu vergessen, der großartige Lehrer und Pädagoge und der Mensch, der in einer schwierigen Zeit sein Leben neu organisieren musste und das Glück hatte, durch Emigration eine neue Heimat zu finden – viele Facetten also. Das wäre der Mühen und Recherchen wert. Das Andenken an diesen so früh verstorbenen Vollblut-Musiker ( er verstarb im Alter von nur 39 Jahren) ist in unseren Räumen allgegenwärtig – viele Fotografien aus seinem Leben, die in ihn auch mit seiner Familie und anderen Musikern zeigen, schmücken einige Wände unserer Büroräume. So ist er stets unter uns, zwischen vielen Plakaten mit all den anderen Großen der Kammermusik wie Mstislav Rostropovich, Gidon Kremer oder David Geringas, um nur einige zu nennen.

Nun, mein Exkurs durch die Altstadt neigt sich dem Ende entgegen, Motive waren reichlich vorhanden. Die Überlegungen zur nächsten  Blog-Serie haben sich deutlicher herauskristallisiert – diese fotografische Auszeit war also im doppelte Sinne lohnenswert.

Mein Fazit: Die warme Luft, die südliche Sonne beflügelt auch hierzulande. Kronberg im Sommer, das ist nicht zu verachten. Back to Work.

Michael Heinz

Musikalische Welten – Wozu braucht man einen Dirigenten?

Donnerstag, 1. Juli 2010

Welche Rolle spielt der Dirigent eines Orchesters oder eines Chors? Braucht man ihn überhaupt? Musik-Interessierte und Laien zerbrechen sich den Kopf hierüber und bleiben nicht selten ratlos. In diesem Beitrag geht es um Orchester-Dirigenten.

Stellen wir uns also ein Orchester oder Musik-Ensemble vor und betrachten die Ausgangslage. Schließlich ist doch jeder einzelne Orchester-Musiker ein gründlich  ausgebildeter Instrumentalist, der viele Werke gut kennen dürfte, in seltenen Fällen unter Umständen sogar besser als der Dirigent. Und schließlich gibt es ja durchaus Orchester und Ensembles, die ohne einen Dirigenten auskommen (Kammermusik). Dies stimmt nicht ganz, da auch in diesen Ensembles eine Führungsperson agiert. Genaues Zuhören und Zusehen sind hier besonders wichtig. Die Einsätze werden durch Handzeichen, Kopfbewegungen oder auch durch den Geigenbogen angegeben. Ein führender Musiker ist dennoch zuvor schon bestimmt worden. Aber zurück zu den großen Orchestern und deren Dirigenten. Welche Aufgaben und Funktionen nun übernimmt ein Dirigent?

Mit der wachsenden Größe der Orchester und der stetig zunehmenden Komplexität der Kompositionen ist die Funktion des Dirigenten mit der Zeit immer unverzichtbarer geworden. Warum? Salopp ausgedrückt: Der Dirigent nimmt die Rolle einer Führungsperson wahr – die Musiker müssen sich unterordnen. Je nach Temperament und Charakter-Disposition macht er oder sie auf seine individuelle, unverwechselbare Art Vorgaben über die Art und Weise des Spielens eines bestimmten  Werkes. Er oder Sie befasst sich intensiv mit der Partitur und dem Wesen des Werkes, erfasst die zugrunde liegenden musikalischen Strukturen, beachtet die historischen Umstände des Entstehens des Werks und setzt all dies um, in dem er/sie all diese Facetten in der gemeinsamen Erarbeitung und in den Proben mit dem gesamten Orchester durchgeht und dann probt. Ganz formell gesprochen, kann man die Aufgabe und Funktion des Dirigenten  – also das Dirigieren – grob so umreißen:

  • Er/sie markiert den für alle Musiker verbindlichen Takt und bestimmt damit auch das gemeinsame Tempo!
  • Er/sie zeigt den Musikern den Beginn und das Ende des Stücks sowie ihre Einsätze an
  • Er/sie beschreibt und zeigt die gestalterische Entwicklung des musikalischen Verlaufs an

Dirigenten versuchen dem Wesenskern des aufzuführenden Stücks nachzuspüren und offen zu legen, so wie dies durch Quellen ( Briefe, Tagebuchnotizen des Komponisten), Anmerkungen oder aussagekräftige Titel (Programmmusik) ersehbar oder ableitbar ist. Dirigenten kennen oder erarbeiten sich zuvor das musikhistorische Umfeld des Stückes. Häufig kennen Dirigenten die Partitur nach intensivem Studium auswendig und haben sich folglich eine genaue Klangvorstellung erarbeitet, die höchst individuell sei kann aber ebenso auch völlig der seinerzeitigen Aufführungspraxis nahe kommt (Stichwort: Werktreue, historische Aufführungspraxis). Mit anderen Worten: Die Dirigenten haben Spielräume, die sie aufgrund ihrer eigenen Philosophie und Herangehensweise an das betreffende Werk ausgiebig ausschöpfen können. Alle Nuancen der Interpretation eines Werkes werden in der Orchestermusik vom Dirigenten maßgeblich beeinflusst.

Ferner entwickeln sie aufgrund von im Stück vorgegebenen Tempi oder Metronomangaben, möglicherweise auch Aufnahmen, eine eigene, präzise Vorstellung von Tempo und Klangcharakter des Stückes. Dirigenten erarbeiten sich die Einsätze der verschiedenen Instrumente oder Stimmen, Taktänderungen, Tempo- und Charakterwechsel und üben sie gestisch und mental für sich ein. Der Dirigent bewertet und korrigiert, wie die einzelnen Musiker bestimmte Passagen spielen (zu laut, zu langsam). Er ist somit derjenige, der die Klänge jedes einzelnen Instruments oder Instrumentengruppe wissend um die „Gesamt-Zusammenhänge“ steuert und in das von ihm gewünschte harmonische Ganze einmünden lässt. Beim Dirigenten laufen alle Fäden zusammen, er trifft die finalen Entscheidungen. Er entscheidet, überspitzt gesagt, über das „Wichtigste“: über Anfang und Ende eines Stückes und dass dies von allen beteiligten Musikern gleichzeitig ausgeführt wird (und in den Pausen darf niemand „rasseln“ – mit dem Abwinken des Dirigenten wird dies sichergestellt). Ohne  diese technischen Koordination aller Spielenden und Pausierenden gäbe es wohl nur Chaos.

Umfangreiche Probenarbeiten sollen sicherstellen, dass der Reifegrad des aufzuführenden Werkes dem Idealbild des Dirigenten sehr nahe kommt. Harte Arbeit, Geduld und Schweiß bei allen Parteien sind daher angesagt, motivierende und inspirierende Eigenschaften stellen so ein weiteres, allerdings wichtiges Merkmal in der Arbeit und Funktion eines Dirigenten dar. Es braucht sehr viel Erfahrung und profundes musikalisches Wissen, um bei einem Orchester positiv etwas zu bewirken, um einen Dialog mit den Musikern aufzunehmen und eine Interpretation entstehen zu lassen. Je sicherer das Wissen um die Partitur, desto souveräner der Auftritt vor dem Orchester. Denn wenn Orchestermusiker etwas nicht „vertragen“, dann sind es unsichere Dirigenten. Viele Dirigenten sind zusätzlich auch hervorragende Instrumentalisten oder Komponisten, wie z.B. Daniel Barenboim (Klavier) oder Pierre Boulez (Komposition). Und die Liste lässt sich beliebig in die Vergangenheit erweitern:  Mstislav Rostropowitsch (Cello), Leonard Bernstein (Komposition, Klavier), Sergei Rachmaninow (Komposition, Klavier),  Gustav Mahler (Komposition, Klavier). Wenn Dirigenten also gewissermaßen die musikalischen Chefs und gleichzeitig auch die intellektuellen musikalischen Vorabeiter sind , dann ist es nahe liegend, dass sich diese durch vielfältige „Führungs- und Persönlichkeitsmerkmale“ unterscheiden.

Fazit:

Der Dirigent ist die musikalische Führungsperson, ein intellektueller Arbeiter, ein Analytiker und Musik-Historiker in einem. Und wie gesagt, er ist der Entscheider. Ohne den Dirigenten gäbe es in einem großen Klangkörper stattdessen ein kleines Chaos. Mit seinen Hand- und Taktstockbewegungen, aber auch mit seiner Mimik prägt dann ein Dirigent rein äußerlich die Umsetzung seiner musikalischen Ideen. Dieser letzte Teil im gesamten umfänglichen Arbeitsprozess, der jeder Werkaufführung vorangeht, ist gewissermaßen die Kristallisation seiner Arbeit und Vorbereitungen. Alles Vorangegangene bleibt für den Laien unsichtbar.

Drei Dirigenten-Zitate zum Abschluss:

I’m not interested in having an orchestra sound like itself. I want it to sound like the composer  Leonard Bernstein

Can’t you read? The score demands “con amore,” and what are you doing? You are playing it like married men!”  Arturo Toscanini

“I have been told that my interpretations brought something new, but few were those who noticed that I merely wanted to render the natural tendency of the music structure.”
Sergiu Celibidache

Michael Heinz

Chamber Music Connects the World – Interview mit Raimund Trenkler

Dienstag, 15. Juni 2010

Das 6. Mal ist „Chamber Music Connects the World“ am 19. Mai in Kronberg mit zwei Schlusskonzerten über die Bühne gegangen. In einem ersten rückblickenden Beitrag hatte die Projekt-Verantwortliche Oda Cramer von Laue ( Beitrag vom 29.5.) ihre persönlichen Eindrücke hier an dieser Stelle geschildert. Im folgenden Interview mit Raimund Trenkler, dem künstlerischen Leiter der Kronberg Academy, erfahren wir dessen Einschätzungen über das, was ihn bewegt hat, welche Aufgaben zu bewältigen waren und wie die weitere Zukunft dieses Projekts aussieht.

Michael Heinz: Wie hast Du „das Projekt Chamber Music Connects the World“ im 10. Jubiläumsjahr erlebt?

Raimund Trenkler: Es ist jedes Mal aufs Neue ein Abenteuer, auf was wir uns da einlassen. Es bleibt neu und frisch, denn es sind immer andere junge Musiker und andere Werke, die auf dem Spielplan stehen. Um es gleich vorweg zu nehmen: die Qualität der musikalischen Darbietungen in diesem Jahr, das Niveau der hier angereisten Musiker war durchweg sehr, sehr hoch. Man muss sich vorstellen, es kommen 22 junge Musiker nach Kronberg. Und diese jungen hochbegabten Musiker haben die Chance mit den berühmten Fünf Seniors zusammen zu treffen und gemeinsam Musik einzustudieren. Sie sind ihren Idolen und Vorbildern ganz nahe. Aus der musikalischen Abhängigkeit zwischen den Seniors und Juniors entsteht automatisch auch menschliche Nähe. Und wir schaffen die Rahmenbedingungen, dass dies auf eine besonders vertraute und familiäre Weise geschehen kann. Es entstehen so besondere Konstellationen und die Intensität der Zusammenarbeit ist so nur in der Kammermusik möglich. So manch einer der Juniors hat während der 11 Tage in Kronberg einen musikalisch-virtuosen Höhenflug hingelegt. Das   gemeinsame Ziel ist es, ausgewählte Kammermusik-Werke einzustudieren und ein einmaliges musikalisches Erlebnis zu gestalten – für die Musiker selbst und auch für das Publikum. Und das Publikum kann bereits während der öffentlichen Proben an der Entstehung des Werkes teilhaben.
Einfach einmalig und es wird nie langweilig!


MH: Welche besonderen Herausforderungen waren zu meistern?

RT: Die größte Herausforderung war es, fünf namhafte Musiker dazu zu bewegen, für gut 11 Tage ihre Terminkalender freizuhalten und sie hier zur aktiven Teilnahme beim Projekt „Chamber Music“ in Kronberg zu motivieren. Da es sich um Künstler von Weltrang handelt, kann man sicht leicht vorstellen, dass viele alternative Auftrittsmöglichkeiten und Konzertangebote für diese Musiker mit dem Projekt der Kronberg Academy im Wettstreit liegen. Gidon Kremer, Tatjana Grindenko, András Schiff, Yuri Bashmet und ursprünglich geplant auch der englische Cellist Steven Isserlis, dies war unser Plan.  Dass wir auch das im diesem Jahr wieder einmal geschafft haben, grenzt schon an kleines Wunder. Die kurzfristige Absage von Steven Isserlis hatte ein ernstes Zusatzproblem für uns entstehen lassen, aber der ebenso kurzfristig herbeigeführte Einstieg von Frans Helmerson, der nahtlos in alle zuvor terminierten Stücke von Steven Isserlis einsprang, „rettete uns den Tag“. Das war schon mit viel Schweiß verbunden.

Die zweite riesige Herausforderung: die Zusammenstellung des umfänglichen Probenplans und die während der Veranstaltungen sich immer wieder ergebenden  Änderungen. Das ganze auf Tagesbasis zu managen, insbesondere die jeweils neuen Probenpläne für den folgenden Tag an alle Künstler und die Support-Teams weiter zu leiten, das ist eine enorme logistische Meisterleistung. Der Probenplan ist äußerst komplex.  Tauchen an einer Stelle Änderungen auf, sind viele andere Proben jeweils betroffen und müssen ihrerseits geändert werden. Es gibt viele Abhängigkeiten zu berücksichtigen, und ja, man kann hier schnell Fehler machen und ein kleines Chaos anzetteln. Täglich gab es Änderungen und der Druck auf die Verantwortlichen war über all die Tage sehr groß.

MH: Wie geht es weiter mit „Chamber Music Connects the World“ ?

RT: Das inhaltliche Konzept von „Chamber Music…“ ist besonders tragfähig, da es aufgrund seiner Flexibilität, nämlich immer wieder stets neue junge Musiker auszuwählen und neue Werke aus dem riesigen Reservoir der Kammermusik auszuwählen, viel Raum für Neues und auch Experimentierfreudigkeit ermöglicht. Natürlich, die Kammermusik bildet den Nukleus.

Und was die Chancen zur Teilnahme betrifft:  Im Vordergrund stehen allein das Können und die Leidenschaft der Bewerber der jungen Musiker. Ausführliche Bewerbungen und dann die Auditions für die Ausgewählten bilden die zu überwindenden Hürden. Hier mitmachen zu können ist etwas Außergewöhnliches, das hat sich jedenfalls herumgesprochen. Es beschert den jungen Musikern einmalige Erfahrungen. Wir hören oft von ihnen, wie prägend diese Tage für sie waren.

Neue Akzente können wir  setzen, in dem wir etwa die Einbeziehung von Bläsern in Erwägung ziehen, um so das musikalische Spektrum gleichsam auszudehnen und zu erweitern. Aber diese Entscheidungen haben noch ein wenig Zeit! Was heute schon sicher scheint ist dies: es wird wieder ein neues Abenteuer vor der Tür stehen, wenn 2012 im Mai eine neue Gruppe von ausgewählten jungen Musikern mit Weltkünstlern in Kronberg zusammentreffen werden, um ein neues Kapitel beim Projekt  “Chamber Music” zu schreiben.

Raimund, danke für dieses Gespräch.

Klangwelten – wie man Geigen und Bratschen unterscheidet

Mittwoch, 2. Juni 2010

Oder: was macht die Bratsche (Viola) zum dunklen Pendant der Geige?

Wer hat sich das nicht schon mal gefragt: worin unterscheidet sich eine Geige von einer Bratsche? In einem der letzten KAtalks kam die knifflige Frage auf, wie man eigentlich Viola und Violine unterscheidet. Gar nicht so leicht, zumindest für die nicht, die keine ausgewiesenen Musik-Experten oder gar Kammermusiker sind. Und die frappierende äußere Ähnlichkeit erschwert eine rasche Bestimmung und Unterscheidung dieser beiden „Klang-Körper“. Musikalische Laien können sich oft gar kein Bild von den Unterschieden zwischen beiden Instrumenten machen.

Hier ein paar Antworten abgestellt auf die Besonderheiten der Bratsche. Wunderbar klar hat es der ungarische Komponist Györgi Ligeti ausgedrückt: „Scheinbar ist die Viola nur eine größere Violine, einfach eine Quint tiefer gestimmt. Tatsächlich liegen aber Welten zwischen den beiden Instrumenten. Drei Saiten haben sie gemeinsam, die A-, D-, und G-Saite. Durch die hohe E-Saite erhält der Klang der Violine eine Leuchtkraft und metallische Durchdringlichkeit, die der Viola fehlen. Die Violine führt, die Viola bleibt im Schatten. Dafür besitzt die Viola durch die tiefe C-Saite eine eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser und mit dem Nachgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure“ ( aus dem Vorwort von György Ligeti zu seiner Sonate für Viola solo der Jahre 1991–1994)..

Weitere Nuancen der Unterscheidung: Der Bogen der Bratsche gleicht dem der Violine, er ist allerdings länger und ca. 10–15 g schwerer und hat eine abgerundete Kante. Ein Unterschied zur Geige besteht in der Größe und Stimmung der Viola, deren leere Saiten eine Quinte tiefer auf c – g – d’ – a’ gestimmt sind.

Und noch was für die Ohren: Der Klang der Bratsche wird als voll, weich und dunkel bis in die höchsten Lagen beschrieben, dabei melancholisch, leicht rauchig und ein bisschen „näselnd“. Der tiefsten Saite, der C-Saite, ist zumal im „forte“ etwas Wildes und Rauhes zu eigen. Dies ist eine Klangfarbe, die in der Opern- und sinfonischen Welt gern vorkommt und auch häufig in der Filmmusik genutzt wird. In der Höhe, auf der A-Saite, fehlt der Bratsche irgendwie die Brillanz und Helligkeit der Violine – so zumindest mein  Empfinden. Viele Musiker indes sind sich einig bei dieser Charakterisierung: der Klang ist einfach dunkler, gleichzeitig hat er eine charakteristische Schärfe, die, so empfinden wiederum andere Experten, an den Klang der Oboe erinnere. Wie die Violine verfügt die Viola über einen obertonreichen Klang. Allerdings: der zu kleine Korpus dämpft die hohen Obertöne ab. Fazit: die äußerlich so ähnlichen Instrumente verfügen über sehr unterschiedliche Klang-Charakteristiken.

Worauf beruht die Eigentümlichkeit des Bratschenklangs? Es ist schlicht die Tatsache, dass der Korpus der Viola für ihre Stimmung eigentlich zu klein ist: Da sie eine Quinte tiefer als die Geige erklingt (Frequenzverhältnis 2:3), müsste der Korpus auch im gleichen Verhältnis länger sein als der 36 cm lange Geigenkorpus, also ungefähr 54 cm lang. Häufig ist der Violakorpus aber gerade einmal zwischen 40 cm und 43 cm lang (es gibt auch Violen mit bis zu 48 cm Länge). Die Abmessungen und Längenverhältnisse (Mensur) der beiden Instrumente sind also bei “näherer” Betrachtung durchaus zu unterscheiden. Und dies hat auch Konsequenzen für die Spielbarkeit der beiden Instrumente. Manch einem scheint die in Laien-Orchestern von Bratschisten gestellte  Frage  „Und wie lang ist Deine Bratsche?“ recht kurios. Je länger der Korpus, desto schwieriger die Spielbarkeit. Rücken und Nackenprobleme bei Bratschern sind daher keine Seltenheit.

Die eigentliche Domäne für die Bratsche ist die Kammermusik. An erster Stelle stehen hierbei Sonaten u.ä. für Viola allein und für Viola und Klavier sowie das Streichquartett (mit erster und zweiter Violine, Viola und Violoncello) als Hauptgattung der Kammermusik überhaupt.

Nachfolgend einige Beispiele für Musikstücke, in denen die Bratsche und nicht die Violine die „erste Geige“ spielt..:

Bleibt zu hoffen, dass bei nächster Gelegenheit die Bratsche in Windeseile „erkannt und herausgehört“ wird. Und ihr warmer Klang noch bewusster in unsere Ohren dringt.

Michael Heinz

Chamber Music Connects the World / Wie alles begann

Donnerstag, 1. April 2010

Dies ist der Auftakt und eine kleine Einstimmung zu unserer neuen 10-teiligen Blog-Serie über die Anfänge des Kammermusik-Projekts „Chamber Music Connects the World“ und Portraits einiger Ex-Juniors.

Vor nunmehr fast genau 10 Jahren begann für die Kronberg Academy die Reise in die Welt der Kammermusik, und gleichzeitig die Etablierung eines weiteren Bausteins in der Förderung und Ausbildung junger, hochbegabter Musiker und Solisten.

In insgesamt drei Blogbeiträgen wollen wir die Geschichte von CMCW nacherzählen, von den gedanklichen Wurzeln bis zur Realisierung im Jahre 2000. Und vorweg ein kurzer Rückblick auf ein Kammermusik-Projekt in Amerika, wo das Experiment „Marlboro Music School“ in den frühen Fünfziger Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Welche Hürden und Hindernisse beim ersten Zusammentreffen in Kronberg im Jahre 2000 zu überwinden waren, davon soll auch hier später berichtet werden. Und über manche Eigentümlichkeit.

Dies alles wird erzählerisch und mit kleinen Anekdoten und persönlichen Erinnerungen garniert. Eingesammelt und eingefangen bei all jenen, die mit Herzblut von Anfang mit dabei waren.

Was uns aber alle bis heute fasziniert ist dies:

die ersten Seniors bei Chamber Music sind über ihre eigenen Lehrer und deren Wegbegleiter mit  einer Generation verbunden, die viele herausragende Künstler der jüngeren Musikgeschichte hervorgebracht hat – dies wird stets lebendig, wenn man die Lebensläufe der beteiligten Musiker sich vor Augen führt und dann realisiert, dass auch diese Seniors auf den Schultern jener Generation stehen und von deren Kreativität und Meisterschaft nachhaltig inspiriert wurden. Ausnahmekünstler wie Pablo Casals, Emanuel Feuermann, Rudolf Serkin, David Oistrach und Jascha Heifetz, Yehudi Menuhin und natürlich nicht zu vergessen Mstislav Rostropovich haben ihre Meisterschaft und Disziplin an unsere Seniors weitergegeben – sich dieser Verbindungen bewusst zu sein und zugleich als Ansporn und Maßstab weiterzugeben, das ist nach wie vor das Ziel . Die jungen Musiker von heute reihen sich ein in diesen Strom. So betrachtet, ergibt sich ein bedeutungsvoller Brückenschlag zwischen den Generationen bis in die heutige Zeit.

Schließlich erhellen wir an sechs Musiker-Beispielen in den dann folgenden Blogbeiträgen zur Geschichte von Chamber Music Connects the World wie sich der eine oder andere Ex-Junior seit der Teilnahme künstlerisch weiter entwickelt hat. Denn “Chamber Music” istbekanntlich ein weiterer Pfeiler in der individuellen Förderung und Entwicklung einer aufstrebenden jungen Solisten-Generation der Extra-Klasse.

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Michael Heinz