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Cello Festival ¦ Von null auf hundert in fünf Sekunden ¦ Ein Künstlerbetreuer berichtet

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Von null auf hundert in nur ein paar Sekunden, hieß es während einer Woche Cello Festival an vielen Stellen. Nicht nur Management, Team, Gäste und die Künstler mussten zu Weilen auf Zack sein. Auch die Riege der 21 Künstlerbetreuer war ständig einsatzbereit und wenn es darauf ankam im nächsten Moment am Ort des Geschehens. Der Künstlerbetreuer Jan Philipp Pöter berichtet über eine spannende Woche beim Cello Festival – backstage.

Sonntag, Teamtreffen. Man sieht das erste Mal die Gesichter des circa 40-köpfigen Teams. Für mich, das erste Mal beim Kronberger Cello Festival, nicht leicht, sich auf Anhieb die vielen neuen Namen und Gesichter zu merken. Schnell stellt sich aber raus, dass das relativ junge bzw. junggebliebene Team der Künstlerbetreuer auf der gleichen Frequenz schwingt. Bei einem ersten gemeinsamen Bier in einem der kleinen Restaurants Kronbergs betreiben wir dann das erste Mal Teambuilding und lernen uns kennen.

Montag bis Sonntag, Das Festival. Nach der Einweisung am Sonntag fühlt man sich zwar informiert, aber immer noch etwas unsicher, was die verschiedenen Locations in und um Kronberg, aber auch in Frankfurt angeht. Das Team, das überwiegend aus Künstlerbetreuern besteht, die nicht aus Kronberg kommen, sowie vielen, die das erste Mal dabei sind, findet sich aber schnell zurecht.

Man ist einem oder mehreren Künstlern zugeteilt, die von morgens bis abends zu betreuen sind. Erst einmal vom Flughafen oder Bahnhof abgeholt, startet eine kleine Routine von Mechanismen, die sich jeden Tag wiederholen. Vom engagierten Team wird den Künstlern jeder Wunsch von den Augen abgelesen: Morgens aus dem Hotel zur Probe in die Stadt, mittags zum Essen ins Restaurant, nachmittags zum Ausruhen ins Hotel, abends zum Konzert und zwischendurch parat sein, damit der Künstler seine Spontaneität ausleben kann. Klingt simpel? Ist es auch! ABER – Jeder der schon einmal auf einem Festival gearbeitet hat, weiß, dass es nicht dabei bleibt. Es ereignen sich eine Vielzahl von Variationen oder kleinen Pannen, die zuweilen den Ablaufplan etwas aufwirbeln. Dann ist der Künstlerbetreuer gefragt, der in fünf Sekunden von null auf hundert sprintet, und den Künstler zur verschobenen Probe bringt oder ihn nach einem späten Bier noch um 1.30 Uhr ins Hotel bringt.

Trotz der kleinen Klippen, die plötzlich und unvermittelt aus dem Nebel erscheinen und die es möglichst geschickt zu umschiffen gilt, bietet der Festival-Alltag eine unglaubliche Vielfalt an Aufgaben und Eindrücken, die wirklich Spaß machen. Neben Ansagen des Navis auf der Autobahn: „Bitte schauen Sie in eine Landkarte“ oder den unendlich verwirrenden Parkhäusern des Frankfurter Flughafens, bietet das Festival dem Team einen außergewöhnlich engen Kontakt zu internationalen TOP-Musikern aus der ganzen Welt, die sonst im edlen Ambiente und meist in einem goldenen Käfig à la Royal Opera House oder Wiener Musikverein verkehren, und deren Konzerte kaum zu bezahlen sind. Wir haben sie nun nicht nur „on stage“ gesehen und erlebt, sondern auch als Mensch – im Auto, im Hotel und an der Bar.

Oft ist es jedoch nicht nur der Künstler, um den man sich als Künstlerbetreuer kümmern muss. So manch ein Künstler kommt mit Familie oder anderen Mitbringsel, die besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mal ist es eine schwangere Ehefrau, mal ein Hund von der Größe eines Tennisballes, mal ein fünf jähriges Kind, in jedem Fall aber ein Cello, das wegen seines Wertes von mehreren Zehntausend Euro außerordentlich behutsam behandelt werden muss. All diese spontanen wie auch geplanten Dinge machen den Job als Künstlerbetreuer so spannend.

Die Zeit als Künstlerbetreuer ist aber nicht nur hektisch. Zwischendurch gibt es immer wieder Phasen, in denen man nicht unterwegs ist. In diesem Fall geht man dann zum Bistro. Das Bistro der Stadthalle, dem Herzen des Festivals, hat sich als beliebter und belebter Treffpunkt für Künstlerbetreuer und andere Teammitglieder herausgestellt. Neben einem schnellen Happen werden die letzen News und Pläne aber auch die lustigsten Geschichten ausgetauscht. Einer berichtet von utopischen Geschwindigkeitsüberschreitungen auf dem Weg zu einem dieser unvorhersehbaren Spezialeinsätze, der andere vom Privatleben des Hotel-Doorman, der in vielen Momenten des Wartens ein sehr angenehmer Gesprächspartner für fast alle Künstlerbetreuer war.

Montag, Das Ende. Während das Festival für die meisten Künstler und auch für das Publikum am Sonntag endet, gilt für das Team am Tag danach noch: Abbauen. Aber nicht nur das, sondern auch „Auf Wiedersehen“ sagen. In nur einer Woche lernt man sich gut kennen, verbringt viel Zeit miteinander. Man lernt sich schätzen; wird ein Team. Und dann ist alles vorbei. Von Hundert auf Null in zwei Sekunden.

Predict the Unpredictable – Künstlerbetreuer in Kronberg

Freitag, 8. Mai 2009
Johannes Manecke, Foto: Lutz Sternstein

Johannes Manecke, Foto: Lutz Sternstein

Das grundlegende Problem, das der Künstlerbetreuer hat, wenn er am Vorabend des großen Events in Kronberg aufläuft, ist sein Nicht-Eingeweiht-Sein in die komplette vorangegangene Organisation der Veranstaltung. Das ist einerseits durchaus von Vorteil, da ein unvorstellbar großer Berg von Arbeit bereits von anderen Personen erledigt wurde. Andererseits ist es ein nicht zu unterschätzender Nachteil, erstmal über so ziemlich nichts Bescheid zu wissen. Im Vorfeld versucht man daher händeringend, jedem auch noch so zufällig vorbeihastenden Academy-Mitglied schnell noch irgendwie dienliche Informationen zu dem Künstler, den man betreuen soll, zu entlocken. Selbst wenn droht, durch hartnäckige Fragerei in Ungnade zu fallen und man den Eindruck hat, unter dem einen oder anderen latent genervten Blick nun doch recht gut über “seinen” Künstler und dessen Programm informiert zu sein, wird dieser Künstler einen dann schon mit der ersten Frage, die sich unmittelbar an die Begrüßung anschließt, ins Schwimmen bringen. Ihn interessieren in aller Regel gänzlich andere Sachen, als man selber sich hat vorstellen können. Vom Gefühl her ist das ungefähr so, als habe man sich auf eine Mathe-Prüfung vorbereitet, der Professor plötzlich aber lieber über französische Literatur diskutieren möchte. Eine Schlüsselqualifikation im Umgang mit den Künstlern ist daher, möglichst unbeeindruckt auf alle unvorhergesehenen Ereignisse und Fragen zu reagieren und schwungvolle Phrasen zu kreieren, die den Gegenüber zufriedenstellen, im Kern aber eigentlich nur verschleiern, dass eine direktere Antwort “keine Ahnung” gelautet hätte.

Ist der Künstler erst einmal angekommen, ist die Lawine der unvorhergesehenen Zwischenfälle nicht mehr aufzuhalten. Allein der scheinbar harmlose Transport von Hotelzimmer zu Konzertbühne birgt ungeahnte Hindernisse. Mal in Form vergessener Noten oder Kleidungsstücke, mal in Form eines Autofahrers der sich mit seinem überdimensionierten Geländefahrzeug in der historischen Altstadt verkeilt hat – und das es wiederum mit der eigenen überdimensionierten Luxuslimousine zu umschiffen gilt, um erwähnte Noten oder Kleider doch schnell noch herbeizuschaffen. Schwieriger wird es dann, wenn man Interviews in nicht vorhandene Zeitfenster stopfen muss, die darüber hinaus in bereits belegten Räumen stattfinden sollen. Wiederum verlangt es also diplomatisches Geschick, dem Künstler zu verkünden, dass statt Mittagspause nun Presse auf dem Programm steht. Hurra! Unterdessen klingelt unentwegt das Mobiltelefon, über das entweder Hiobsbotschaften oder Fragen, auf die man keine Antwort hat, eingehen. Mit viel Glück ist irgendwann einfach der Akku leer. Schrecksekunden gibt es am laufenden Band. Etwa dann, wenn man meint, soeben Gidon Kremers USB-Stick verbaselt zu haben, oder wenn während der Probe plötzlich ein Fernsehteam auftaucht, und man trotz ausdrücklichen Wunsches vergessen hatte, den Künstler im Vorfeld darauf hinzuweisen. Glücksmomente folgen, wenn der USB-Stick doch wieder auftaucht und das Fernsehteam bereits von jemand anderem angekündigt wurde.

Entlohnt wird jegliche Mühe aber spätestens durch jene ganz besonderen, unbeschreiblichen Momente, die im Verlauf der Veranstaltung immer wieder ganz plötzlich und unerwartet entstehen, und in denen man etwa in ganz intimer Atmosphäre einer spontanen Darbietung lauschen oder dem Zusammentreffen und Gedankenaustausch großer Persönlichkeiten beiwohnen darf – wenn die Musik die Bühne verlässt, um mit einem selbst scheinbar auf Tuchfühlung zu gehen, einen aufsaugt und zum Teil eines erhabenen Ganzen werden lässt.

Am Ende des Tages (zu – in aller Regel – sehr weit vorgerückter Stunde und mit sehr müden Füßen) streift man mit einer erschöpften, aber dennoch eleganten Handbewegung das Magnetschildchen vom Hemde, auf dem neben dem dynamischen Academy-Logo der eigene Name steht. Dadurch fühlt man sich selbst wieder ein bisschen mehr Privatperson, und mit einer seltsamen, aber sehr angenehmen und intensiven Mischung aus Zufriedenheit, Erstaunen und bleierner Müdigkeit stellt man fest, dass wider Erwarten am Ende doch einmal mehr alles zur Zufriedenheit aller Beteiligten verlaufen ist – und das sogar ziemlich gut! Es ist unbedingt empfehlenswert, diesen Augenblick im Gedächtnis zu halten, wenn am nächsten Morgen die Sonne aufgeht und das Künstlerkarussel erneut an Fahrt aufnimmt.

von Johannes Manecke