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Musikalische Welten – Wozu braucht man einen Dirigenten?

Donnerstag, 1. Juli 2010

Welche Rolle spielt der Dirigent eines Orchesters oder eines Chors? Braucht man ihn überhaupt? Musik-Interessierte und Laien zerbrechen sich den Kopf hierüber und bleiben nicht selten ratlos. In diesem Beitrag geht es um Orchester-Dirigenten.

Stellen wir uns also ein Orchester oder Musik-Ensemble vor und betrachten die Ausgangslage. Schließlich ist doch jeder einzelne Orchester-Musiker ein gründlich  ausgebildeter Instrumentalist, der viele Werke gut kennen dürfte, in seltenen Fällen unter Umständen sogar besser als der Dirigent. Und schließlich gibt es ja durchaus Orchester und Ensembles, die ohne einen Dirigenten auskommen (Kammermusik). Dies stimmt nicht ganz, da auch in diesen Ensembles eine Führungsperson agiert. Genaues Zuhören und Zusehen sind hier besonders wichtig. Die Einsätze werden durch Handzeichen, Kopfbewegungen oder auch durch den Geigenbogen angegeben. Ein führender Musiker ist dennoch zuvor schon bestimmt worden. Aber zurück zu den großen Orchestern und deren Dirigenten. Welche Aufgaben und Funktionen nun übernimmt ein Dirigent?

Mit der wachsenden Größe der Orchester und der stetig zunehmenden Komplexität der Kompositionen ist die Funktion des Dirigenten mit der Zeit immer unverzichtbarer geworden. Warum? Salopp ausgedrückt: Der Dirigent nimmt die Rolle einer Führungsperson wahr – die Musiker müssen sich unterordnen. Je nach Temperament und Charakter-Disposition macht er oder sie auf seine individuelle, unverwechselbare Art Vorgaben über die Art und Weise des Spielens eines bestimmten  Werkes. Er oder Sie befasst sich intensiv mit der Partitur und dem Wesen des Werkes, erfasst die zugrunde liegenden musikalischen Strukturen, beachtet die historischen Umstände des Entstehens des Werks und setzt all dies um, in dem er/sie all diese Facetten in der gemeinsamen Erarbeitung und in den Proben mit dem gesamten Orchester durchgeht und dann probt. Ganz formell gesprochen, kann man die Aufgabe und Funktion des Dirigenten  – also das Dirigieren – grob so umreißen:

  • Er/sie markiert den für alle Musiker verbindlichen Takt und bestimmt damit auch das gemeinsame Tempo!
  • Er/sie zeigt den Musikern den Beginn und das Ende des Stücks sowie ihre Einsätze an
  • Er/sie beschreibt und zeigt die gestalterische Entwicklung des musikalischen Verlaufs an

Dirigenten versuchen dem Wesenskern des aufzuführenden Stücks nachzuspüren und offen zu legen, so wie dies durch Quellen ( Briefe, Tagebuchnotizen des Komponisten), Anmerkungen oder aussagekräftige Titel (Programmmusik) ersehbar oder ableitbar ist. Dirigenten kennen oder erarbeiten sich zuvor das musikhistorische Umfeld des Stückes. Häufig kennen Dirigenten die Partitur nach intensivem Studium auswendig und haben sich folglich eine genaue Klangvorstellung erarbeitet, die höchst individuell sei kann aber ebenso auch völlig der seinerzeitigen Aufführungspraxis nahe kommt (Stichwort: Werktreue, historische Aufführungspraxis). Mit anderen Worten: Die Dirigenten haben Spielräume, die sie aufgrund ihrer eigenen Philosophie und Herangehensweise an das betreffende Werk ausgiebig ausschöpfen können. Alle Nuancen der Interpretation eines Werkes werden in der Orchestermusik vom Dirigenten maßgeblich beeinflusst.

Ferner entwickeln sie aufgrund von im Stück vorgegebenen Tempi oder Metronomangaben, möglicherweise auch Aufnahmen, eine eigene, präzise Vorstellung von Tempo und Klangcharakter des Stückes. Dirigenten erarbeiten sich die Einsätze der verschiedenen Instrumente oder Stimmen, Taktänderungen, Tempo- und Charakterwechsel und üben sie gestisch und mental für sich ein. Der Dirigent bewertet und korrigiert, wie die einzelnen Musiker bestimmte Passagen spielen (zu laut, zu langsam). Er ist somit derjenige, der die Klänge jedes einzelnen Instruments oder Instrumentengruppe wissend um die „Gesamt-Zusammenhänge“ steuert und in das von ihm gewünschte harmonische Ganze einmünden lässt. Beim Dirigenten laufen alle Fäden zusammen, er trifft die finalen Entscheidungen. Er entscheidet, überspitzt gesagt, über das „Wichtigste“: über Anfang und Ende eines Stückes und dass dies von allen beteiligten Musikern gleichzeitig ausgeführt wird (und in den Pausen darf niemand „rasseln“ – mit dem Abwinken des Dirigenten wird dies sichergestellt). Ohne  diese technischen Koordination aller Spielenden und Pausierenden gäbe es wohl nur Chaos.

Umfangreiche Probenarbeiten sollen sicherstellen, dass der Reifegrad des aufzuführenden Werkes dem Idealbild des Dirigenten sehr nahe kommt. Harte Arbeit, Geduld und Schweiß bei allen Parteien sind daher angesagt, motivierende und inspirierende Eigenschaften stellen so ein weiteres, allerdings wichtiges Merkmal in der Arbeit und Funktion eines Dirigenten dar. Es braucht sehr viel Erfahrung und profundes musikalisches Wissen, um bei einem Orchester positiv etwas zu bewirken, um einen Dialog mit den Musikern aufzunehmen und eine Interpretation entstehen zu lassen. Je sicherer das Wissen um die Partitur, desto souveräner der Auftritt vor dem Orchester. Denn wenn Orchestermusiker etwas nicht „vertragen“, dann sind es unsichere Dirigenten. Viele Dirigenten sind zusätzlich auch hervorragende Instrumentalisten oder Komponisten, wie z.B. Daniel Barenboim (Klavier) oder Pierre Boulez (Komposition). Und die Liste lässt sich beliebig in die Vergangenheit erweitern:  Mstislav Rostropowitsch (Cello), Leonard Bernstein (Komposition, Klavier), Sergei Rachmaninow (Komposition, Klavier),  Gustav Mahler (Komposition, Klavier). Wenn Dirigenten also gewissermaßen die musikalischen Chefs und gleichzeitig auch die intellektuellen musikalischen Vorabeiter sind , dann ist es nahe liegend, dass sich diese durch vielfältige „Führungs- und Persönlichkeitsmerkmale“ unterscheiden.

Fazit:

Der Dirigent ist die musikalische Führungsperson, ein intellektueller Arbeiter, ein Analytiker und Musik-Historiker in einem. Und wie gesagt, er ist der Entscheider. Ohne den Dirigenten gäbe es in einem großen Klangkörper stattdessen ein kleines Chaos. Mit seinen Hand- und Taktstockbewegungen, aber auch mit seiner Mimik prägt dann ein Dirigent rein äußerlich die Umsetzung seiner musikalischen Ideen. Dieser letzte Teil im gesamten umfänglichen Arbeitsprozess, der jeder Werkaufführung vorangeht, ist gewissermaßen die Kristallisation seiner Arbeit und Vorbereitungen. Alles Vorangegangene bleibt für den Laien unsichtbar.

Drei Dirigenten-Zitate zum Abschluss:

I’m not interested in having an orchestra sound like itself. I want it to sound like the composer  Leonard Bernstein

Can’t you read? The score demands “con amore,” and what are you doing? You are playing it like married men!”  Arturo Toscanini

“I have been told that my interpretations brought something new, but few were those who noticed that I merely wanted to render the natural tendency of the music structure.”
Sergiu Celibidache

Michael Heinz