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Klangwelten – wie man Geigen und Bratschen unterscheidet

Mittwoch, 2. Juni 2010

Oder: was macht die Bratsche (Viola) zum dunklen Pendant der Geige?

Wer hat sich das nicht schon mal gefragt: worin unterscheidet sich eine Geige von einer Bratsche? In einem der letzten KAtalks kam die knifflige Frage auf, wie man eigentlich Viola und Violine unterscheidet. Gar nicht so leicht, zumindest für die nicht, die keine ausgewiesenen Musik-Experten oder gar Kammermusiker sind. Und die frappierende äußere Ähnlichkeit erschwert eine rasche Bestimmung und Unterscheidung dieser beiden „Klang-Körper“. Musikalische Laien können sich oft gar kein Bild von den Unterschieden zwischen beiden Instrumenten machen.

Hier ein paar Antworten abgestellt auf die Besonderheiten der Bratsche. Wunderbar klar hat es der ungarische Komponist Györgi Ligeti ausgedrückt: „Scheinbar ist die Viola nur eine größere Violine, einfach eine Quint tiefer gestimmt. Tatsächlich liegen aber Welten zwischen den beiden Instrumenten. Drei Saiten haben sie gemeinsam, die A-, D-, und G-Saite. Durch die hohe E-Saite erhält der Klang der Violine eine Leuchtkraft und metallische Durchdringlichkeit, die der Viola fehlen. Die Violine führt, die Viola bleibt im Schatten. Dafür besitzt die Viola durch die tiefe C-Saite eine eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser und mit dem Nachgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure“ ( aus dem Vorwort von György Ligeti zu seiner Sonate für Viola solo der Jahre 1991–1994)..

Weitere Nuancen der Unterscheidung: Der Bogen der Bratsche gleicht dem der Violine, er ist allerdings länger und ca. 10–15 g schwerer und hat eine abgerundete Kante. Ein Unterschied zur Geige besteht in der Größe und Stimmung der Viola, deren leere Saiten eine Quinte tiefer auf c – g – d’ – a’ gestimmt sind.

Und noch was für die Ohren: Der Klang der Bratsche wird als voll, weich und dunkel bis in die höchsten Lagen beschrieben, dabei melancholisch, leicht rauchig und ein bisschen „näselnd“. Der tiefsten Saite, der C-Saite, ist zumal im „forte“ etwas Wildes und Rauhes zu eigen. Dies ist eine Klangfarbe, die in der Opern- und sinfonischen Welt gern vorkommt und auch häufig in der Filmmusik genutzt wird. In der Höhe, auf der A-Saite, fehlt der Bratsche irgendwie die Brillanz und Helligkeit der Violine – so zumindest mein  Empfinden. Viele Musiker indes sind sich einig bei dieser Charakterisierung: der Klang ist einfach dunkler, gleichzeitig hat er eine charakteristische Schärfe, die, so empfinden wiederum andere Experten, an den Klang der Oboe erinnere. Wie die Violine verfügt die Viola über einen obertonreichen Klang. Allerdings: der zu kleine Korpus dämpft die hohen Obertöne ab. Fazit: die äußerlich so ähnlichen Instrumente verfügen über sehr unterschiedliche Klang-Charakteristiken.

Worauf beruht die Eigentümlichkeit des Bratschenklangs? Es ist schlicht die Tatsache, dass der Korpus der Viola für ihre Stimmung eigentlich zu klein ist: Da sie eine Quinte tiefer als die Geige erklingt (Frequenzverhältnis 2:3), müsste der Korpus auch im gleichen Verhältnis länger sein als der 36 cm lange Geigenkorpus, also ungefähr 54 cm lang. Häufig ist der Violakorpus aber gerade einmal zwischen 40 cm und 43 cm lang (es gibt auch Violen mit bis zu 48 cm Länge). Die Abmessungen und Längenverhältnisse (Mensur) der beiden Instrumente sind also bei “näherer” Betrachtung durchaus zu unterscheiden. Und dies hat auch Konsequenzen für die Spielbarkeit der beiden Instrumente. Manch einem scheint die in Laien-Orchestern von Bratschisten gestellte  Frage  „Und wie lang ist Deine Bratsche?“ recht kurios. Je länger der Korpus, desto schwieriger die Spielbarkeit. Rücken und Nackenprobleme bei Bratschern sind daher keine Seltenheit.

Die eigentliche Domäne für die Bratsche ist die Kammermusik. An erster Stelle stehen hierbei Sonaten u.ä. für Viola allein und für Viola und Klavier sowie das Streichquartett (mit erster und zweiter Violine, Viola und Violoncello) als Hauptgattung der Kammermusik überhaupt.

Nachfolgend einige Beispiele für Musikstücke, in denen die Bratsche und nicht die Violine die „erste Geige“ spielt..:

Bleibt zu hoffen, dass bei nächster Gelegenheit die Bratsche in Windeseile „erkannt und herausgehört“ wird. Und ihr warmer Klang noch bewusster in unsere Ohren dringt.

Michael Heinz

Chamber Music Connects the World – Geigenbauer lässt die Späne fliegen

Dienstag, 18. Mai 2010

Bei Ekkard Seidl fliegen die Späne. Vornüber gebeugt bearbeitet er mit einem Meissel ein schon zurecht gesägtes Holzteil in der äußerlich erkennbaren Form einer Violine. Die Ausarbeitung der Wölbung geschieht mit Meissel, Hobel und Ziehklinge, so erzählt er mir. Es macht Spaß, ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Ekkard Seidl bearbeitet ein Stück Bosnischen Bergahorn (muß mindestens 15 Jahre gelagert werden, bevor man ihm zu Leibe rücken darf). Holz ist für unseren vogtländischen Geigenbaumeister ein Naturstoff mit Leib und Seele. Wie produktiv ein Mann sein kann zeigen diese Zahlen: cirka 10 Musikinstrumente pro Jahr stellt er fertig. Ein jedes wird sorgfältig nach den höchst individuellen Vorstellungen eines Musikers – seiner Kunden – entworfen. Im Schnitt setzt er 200 Arbeitsstunden für eine Geige ein, für eine Bratsche oder ein Cello entsprechend mehr. Der gesamte Prozess der Produktion eines Instruments erstreckt sich über ungefähr 3 Monate. Von seinen angefertigten Instrumenten entfallen etwa 60% auf moderne Modelle, ca. 40% auf barocke Modelle.

Seine Engagement und seine Liebe zu dieser Handwerkskunst haben ihm auch die Impulse für so manche Speziallösung gegeben, und einiges davon ist patentiert. Zusammen mit Bogenmachermeister Daniel Schmidt zieht er Musiker und Besucher immer wieder in seine mobile Werkstatt am Ende des Foyers der Kronberger Stadthalle. Heute beispielsweise war hoher Besuch in der Werkstatt. Die berühmte Geigen-Professorin und Solistin Edith Peinemann, derzeit Präsidentin der ESTA, hatte einige Wünsche für Ekkard Seidl mit im Gepäck

Stets gut aufgelegt und bereit zu einem Schwätzchen rund um Geigen, Bratschen und Cello schwärmt er sehr gerne auch vom heimischen Vogtland und den dortigen etwa 150 Meisterbetrieben, die alle Musikinstrumente eines Orchesters umfassen (außer Tasteninstrumente). Einmalig in der Welt, so verkündet er mit stolzerfüllter Brust. Das sächsische Vogtland als größtes  Zentrum der Musikinstrumentenproduktion der Welt ( auch der Musikwinkel geannt), wer weiß das schon!

Ekkard Seidl ist ein bodenständiger Mann. Seit gut 15 Jahren kommt der in Leipzig geborene Geigenbaumeister nun nach Kronberg und belebt bei hiesigen Großveranstaltungen der Kronberg Academy mit seiner mobilen Werkstatt die Atmosphäre auf eine ganz handgreilfliche Art. Viele kennen ihn bereits. Musik spielt natürlich eine riesige Rolle in seinem Leben. Herr Seidl freut sich über drei besondere Jubiläen, die dieses Jahr anstehen. Einmal sein 25-jähriges Berufsjubiläum, dann 333 Jahre existiert die Berufsinnung der Geigenbauer im vogtländischen Markneukirchen und schließlich feiert diese Stadt ihr 650-jähriges Bestehen.

Zum Schluss meines kurzen Besuches erzählt er mir noch von der Riesengeige, die derzeit in Markneukirchen fertig gestellt wird. Zum Stadt-Jubiläum soll sie pünktlich am 6. Juni der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Idee geht auf ihn zurück. Mit weiteren Innungsbetrieben erstellen die örtlichen Handwerksbetriebe unter seiner Führung das Prachtstück. Da darf man gespannt sein, welche Töne sie von sich geben wird. Mögen prächtige Klänge dieser monumentalen Geige den Äther rund um das Städtchen Markneukirchen erfüllen – und vielleicht bis Kronberg hallen.

Michael Heinz