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Musikalische Welten – Riesengeige aus dem Vogtland

Donnerstag, 8. Juli 2010

Kaum zu glauben. Die siebenfach vergrößerte Geige, die 16 Handwerksbetriebe, darunter 3 Bogenmachermeister, zwischen Anfang Januar und Ende Mai 2010 in Markneukirchen zusammengebaut haben, ist bespielbar. Die Riesengeige maß bei Fertigstellung genau 4,27 m. Mit dem 5,22 m langen Bogen ließ man zwei kurze Stücke erklingen: Zum Geburtstag viel Glück und Hoch soll sie leben. „Der Klang war gigantisch“, so Ekkard Seidl, Geigenbaumeister aus dem sächsischen Vogtland, dazu  Ideengeber und Koordinator für dieses anspruchsvolle Projekt.  Zielsetzung war es, die Bedeutung der Geigenbauer-Innung, die seit 333 Jahren in der Stadt Markneukirchen existiert, in Erinnerung zu rufen. Aber auch dem im Juni fälligen Festakt der Stadt anlässlich Ihres 650 Jahre Stadtrechte-Jubiläums den nötigen Prunk zu verleihen. Nicht nur eine flüchtige Feier zu Ehren der Stadt sollte es geben, sondern auch etwas Werthaltiges müsste nach den Festlichkeiten für die Nachwelt erhalten bleiben – auch dies war eine Motivation. Und ein weiteres Jubiläum ganz persönlicher Art gesellte sich dazu. Ekkard feiert im Jahre 2010 sein 25-jähriges Firmen-Jubiläum als selbständiger Geigenbaumeister. Die Idee einer Riesengeige kam ihm in der Vergangenheit schon häufiger in den Sinn, aber im Dezember 2009 begann die heiße Phase für ihn, als er nämlich die Unterstützung vieler Betriebe und Handwerker akquirieren musste und sein Projekt als Teil der städtischen Feierlichkeiten realisieren wollte. Dank seiner guten Kontakte zu Handwerkern, Meistern und Rathaus-Verantwortlichen  gelang es rasch, die nötigen Helfer und Unterstützer für dieses ambitionierte Vorhaben zu gewinnen und sie in seine generalstabsmäßige Planung einzubinden.

In verschiedenen Werkstätten wurden die Bestandteile gefertigt: Wirbel, Saiten, Stimme und Steg, Kinnhalter und Knöpfchen, Decke, Boden und Zargen. Einige dutzend Kilo Fichte, Ahorn und Ebenholz und stolze 6 Liter Holzleim waren nötig, um dieses Meisterwerk hervorzubringen. Gewicht bei Fertigstellung: über 100 kg.  Mit der Gesamtlänge von über 4m ist das Instrument mehr als doppelt so lang wie ein Kontrabass. „Jedes Detail war eine Herausforderung. Formenbau, Werkzeugbau, Platz, Materialbeschaffung und auch die Zeit waren Engpassfaktoren. Ich habe straff organisiert und meine Mitstreiter motiviert. 3 Tage vor dem Umzug war die Geige fertig, es musste nur noch für den großen Auftritt geprobt werden“, so Ekkard Seidl. Am Ende hat es geklappt.

Auf dem Marktlatz konnten sich dann am 6. Juni alle Besucher und Gäste persönlichen vom ausdrucksvollen Klang der Riesengeige überzeugen. Und obendrein sah sie auch noch gut aus. Tatsächlich, diese Riesengeige glich der „normal proportionierten Geige“ enorm, nur halt riesig in den Ausmaßen. Und das war schließlich beabsichtigt.  Als Modell diente den Erbauern eine Geige des großen vogtländischen Meisters Johann Georg Schönfelder II (1750-1824) – absolut originalgetreu nachgebaut. Auf dem bejubelten Umzug anlässlich des Stadt-Jubiläums am 6. Juni war es dann soweit: auf einem Tieflade-Anhänger, gezogen von einem kräftigen PS-starken Traktor, war die Riesengeige fest verzurrt. Schaulustige bestaunten und bejubelten das sächsische Wunderwerk. MDR und Regionalfernsehen waren zur Stelle und hielten diese Momente fest. An einen sachgerechten Eintrag in Wikipedia hat Ekkard Seidl bereits gedacht und so wird die Riesengeige auch im Internet demnächst Ihre Bekanntheit steigern können.

Für die Freunde der Musik, die gerne durch deutsche Lande reisen, denen sei zugerufen: Ein Abstecher in den vogtländischen Musikwinkel lohnt nun umso mehr, seit es Ekkard und seine vielen fleißigen Handwerker-Mitstreiter geschafft haben, diese Geige für die Nachwelt zu produzieren. Nochmal Ekkard Seidl: „Es sollte etwas geschaffen werden, was uns überdauert und noch in Jahrzehnten bewundert wird, von Gag keine Spur“.

Mit ein wenig Glück könnte die Riesengeige im nächsten Frühsommer auch ihren Weg nach Kronberg finden, dann nämlich, wenn die Kronberg Academy zum zweiten mal ihre Geigen Meisterkurse durchführt (19.bis 26. Juni 2011). Zumindst ist das aus heutiger Sicht die Zielsetzung. Für Musikfreunde und Gäste gäbe es dann in der Burgstadt eine weitere Attraktion zu bestaunen. Welch eine Aussicht.

Ein Nachwort: In den folgenden Wochen seit dem 6. Juni gab es viele Anfragen von Musikmessen, Veranstaltern und Firmen, die die Geige zu Werbe-  und Marketingzwecke nutzen wollen. Auch in diese Richtung ein Erfolg für die Stadt und Ihre anerkannte Musikinstrumenten-Tradition. Auf ins Vogtland, Ihr Musiker und Freunde sächsischer Kultur und Gastfreundschaft.

Michael Heinz

Chamber Music Connects the World – Geigenbauer lässt die Späne fliegen

Dienstag, 18. Mai 2010

Bei Ekkard Seidl fliegen die Späne. Vornüber gebeugt bearbeitet er mit einem Meissel ein schon zurecht gesägtes Holzteil in der äußerlich erkennbaren Form einer Violine. Die Ausarbeitung der Wölbung geschieht mit Meissel, Hobel und Ziehklinge, so erzählt er mir. Es macht Spaß, ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Ekkard Seidl bearbeitet ein Stück Bosnischen Bergahorn (muß mindestens 15 Jahre gelagert werden, bevor man ihm zu Leibe rücken darf). Holz ist für unseren vogtländischen Geigenbaumeister ein Naturstoff mit Leib und Seele. Wie produktiv ein Mann sein kann zeigen diese Zahlen: cirka 10 Musikinstrumente pro Jahr stellt er fertig. Ein jedes wird sorgfältig nach den höchst individuellen Vorstellungen eines Musikers – seiner Kunden – entworfen. Im Schnitt setzt er 200 Arbeitsstunden für eine Geige ein, für eine Bratsche oder ein Cello entsprechend mehr. Der gesamte Prozess der Produktion eines Instruments erstreckt sich über ungefähr 3 Monate. Von seinen angefertigten Instrumenten entfallen etwa 60% auf moderne Modelle, ca. 40% auf barocke Modelle.

Seine Engagement und seine Liebe zu dieser Handwerkskunst haben ihm auch die Impulse für so manche Speziallösung gegeben, und einiges davon ist patentiert. Zusammen mit Bogenmachermeister Daniel Schmidt zieht er Musiker und Besucher immer wieder in seine mobile Werkstatt am Ende des Foyers der Kronberger Stadthalle. Heute beispielsweise war hoher Besuch in der Werkstatt. Die berühmte Geigen-Professorin und Solistin Edith Peinemann, derzeit Präsidentin der ESTA, hatte einige Wünsche für Ekkard Seidl mit im Gepäck

Stets gut aufgelegt und bereit zu einem Schwätzchen rund um Geigen, Bratschen und Cello schwärmt er sehr gerne auch vom heimischen Vogtland und den dortigen etwa 150 Meisterbetrieben, die alle Musikinstrumente eines Orchesters umfassen (außer Tasteninstrumente). Einmalig in der Welt, so verkündet er mit stolzerfüllter Brust. Das sächsische Vogtland als größtes  Zentrum der Musikinstrumentenproduktion der Welt ( auch der Musikwinkel geannt), wer weiß das schon!

Ekkard Seidl ist ein bodenständiger Mann. Seit gut 15 Jahren kommt der in Leipzig geborene Geigenbaumeister nun nach Kronberg und belebt bei hiesigen Großveranstaltungen der Kronberg Academy mit seiner mobilen Werkstatt die Atmosphäre auf eine ganz handgreilfliche Art. Viele kennen ihn bereits. Musik spielt natürlich eine riesige Rolle in seinem Leben. Herr Seidl freut sich über drei besondere Jubiläen, die dieses Jahr anstehen. Einmal sein 25-jähriges Berufsjubiläum, dann 333 Jahre existiert die Berufsinnung der Geigenbauer im vogtländischen Markneukirchen und schließlich feiert diese Stadt ihr 650-jähriges Bestehen.

Zum Schluss meines kurzen Besuches erzählt er mir noch von der Riesengeige, die derzeit in Markneukirchen fertig gestellt wird. Zum Stadt-Jubiläum soll sie pünktlich am 6. Juni der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Idee geht auf ihn zurück. Mit weiteren Innungsbetrieben erstellen die örtlichen Handwerksbetriebe unter seiner Führung das Prachtstück. Da darf man gespannt sein, welche Töne sie von sich geben wird. Mögen prächtige Klänge dieser monumentalen Geige den Äther rund um das Städtchen Markneukirchen erfüllen – und vielleicht bis Kronberg hallen.

Michael Heinz